Wenn Identitätsgelüste (zu) viel Geld kosten

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Wenn Identitätsgelüste (zu) viel Geld kosten

© fotolia © Javier Brosch

Neulich stand ich in einem Laden, der Sonnenbrillen verkauft. Nach einigem Ausprobieren hatte ich die perfekte Brille auf der Nase. Dann wurde mir der Preis genannt: 320 Euro! Der war weniger perfekt.

Bin es ja gewohnt, dass Sonnenbrillen meist ein wenig hochpreisig angeboten werden, wenn sie einen bestimmten Namen tragen. Doch bei diesem Preis und dem nur in bestimmten Kreisen bekannten Namen, war ich kurzzeitig sprachlos. Und dennoch, ich beobachtete mich, wie ich begann, mir einen möglichen Kauf schönzureden.

Die Verkäuferin tat ihr Bestes. Selbst meine Freundin war der Meinung, dass es die perfekte Sonnenbrille für mich sei. Doch trotz eines verführerischen Rabatts bat ich mir Bedenkzeit aus und verließ den Laden – ohne Brille. Draußen musste ich mich erst mal mit anderen Dingen beschäftigen, damit ich nicht in meinem ‚Selbstbestätigungsmodus‘ verharrte, dass die Brille ein kluger Kauf wäre. Ich spürte den inneren Kampf in mir zwischen unbewusstem Verlangen und dem vernünftigen Ratschlag meines Verstandes. Würde ich dieses Spiel nicht kennen, hätte mein Unterbewusstsein gewonnen und ich würde jetzt mit einer neuen, überteuerten Brille auf der Nase mit aufgesetztem Selbstbewusstsein in der Einkaufsstraße stolzieren.

Nach einigen Minuten hatten sich meine neuronalen Netze ein wenig beruhigt und ich war in der Lage, entspannt einen Kaffee zu trinken, um mir dabei Gedanken zu machen, was mich zum Kauf einer 320 Euro teuren Brille motiviert hätte. Zu Beginn glaubte ich noch, den Preis durch hohe Qualität rechtfertigen zu können. Doch schnell wurde mir klar, dass ich mir ein Stück einer Identität kaufen wollte und die Brille bekam somit den Auftrag, mir diesen Anteil zu verschaffen.

Diesen Gedanken wollte ich mir erst gar nicht so ganz eingestehen. Drum befragte ich mal den Business Coach in mir, der jetzt ohne Sonnenbrille etwas klarer durchblickt.

Ich holte mir dafür die Brille vor mein inneres Auge und versuchte zu ergründen, welche positiven Assoziationen diese Brille in mir weckt. Welche Ideen kommen mir in den Kopf, wenn ich so eine Brille zu einem solchen Preis sehe, die mit einem ganz bestimmten Image verbunden ist oder zu sein scheint?

Wow …, ich war erstaunt, was da alles zusammenkam. Als dann noch meine Freundin ihre Gedanken dazugab, reichte mein Zettel nicht aus, auf dem ich ihre und meine Assoziationen notierte.

Dann ging ich noch tiefer in mich: Welche Spekulation oder Vermutung, also fast eine Art Hypothese, könnte ich daraus ableiten, zu glauben, ich bräuchte diese Sonnenbrille? Sie können es sich bestimmt vorstellen, dass es nicht der Augenschutz gegen Sonnenstrahlen war.

Und dann hatte ich einen Aha-Effekt: Der verdeutlichte mir, dass der Kauf dieser Sonnenbrille nicht dazu beitragen hätte, dass ich mein wahres Bedürfnis befriedigt hätte, sondern dass ich mich meiner gewünschten Identität eher nähern würde, wenn ich sie im Laden liegen lasse. Ich kann Ihnen sagen, das war ein Highlight von Selbsterkenntnis.

Als ich das feststellte, war ich stolz auf mich und genoss den Triumph, den Verkaufsverführungen all derer, die sich mit der Herstellung und dem Verkauf der Brille beschäftigt hatten, widerstanden zu haben. Und ich hatte ein so gutes, befriedigendes Gefühl über einen Identitätsgewinn durch meine Selbsterkenntnis, wie es eine 320-Euro-Brille nie oder nur sehr kurzfristig vollbracht hätte.

Was glauben Sie, wie viel Konsumgüter gekauft werden, weil ein Identitätsbedürfnis befriedigt wird, dass dabei hingegen nur aufgesetzt ist?

Heutzutage geht’s zwar fast immer und überall günstiger, aber das innere, andere Ich, das braucht hin und wieder Bedürfnisbestätigung – wer sonst würde noch überteuerte Sonnenbrillen kaufen?

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1 Comment

  1. Stephan Knorr sagt:

    Hast du ein Glück dass es nur ne Sonnenbrille war, ich brauchte neue Brillengläser und bin natürlich meinem eitlen Gespür gefolgt und dahin gegangen wo es richtig geile Brillen gibt in München, also mit bescheidenem Vorsatz hin , mit zwei Brillen wieder raus, das Budget 10fach überschritten, naja typisch für mich, aber weißte was? Keiner sieht wie abartig teuer diese zwei Brillen sind, aber sie sind für mich genau das richtige, und keiner sieht es, außer er ist brillenprofi,: was lernen wir daraus?
    Tu es für dich, und nicht für andere, dann brauchst du auch kein Label sondern nur feeling für dich
    Saluti von deinem amico Stefano

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