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Selbstbestimmung durch Priming

Neues aus dem Blog von Ralf Haake

Selbstbestimmt durch Priming

Was ist mit Priming gemeint? Hier zunächst begriffliche Erklärungen zu Prime / Priming / Priming-Effekten:

Ein Prime ist u.a. ein Gegenstand, ein Wort, ein Duft, ein Geräusch, ein Ton, Musik, ein TV-Spot, ein Stereotyp; ein Thema, über das gesprochen wird; ein Kleidungsstück; insbesondere hier nun ein Reiz, ein Etwas, das mittels Sinneswahrnehmung ein bestimmtes Areal im Gehirn aktiviert. Wenn dieses Gehirnareal aktiviert wird, dann findet Priming statt. Meist werden durch einen Prime gleich mehrere Areale aktiviert, sozusagen „geprimed“. Zum Beispiel sehe ich eine Zitrone, und gleichzeitig kommt es mir so vor, als ob ich sie schmecken würde, wodurch Speichelfluss aktiviert wird. Folglich wurden in meinem Gehirn mehrere Areale stimuliert, in denen Informationen abgespeichert worden waren, die mit Zitronen zu tun hatten. Den Effekt, der durch Priming mit einem oder mehreren Primes entsteht, nennt man in der Psychologie Priming-Effekt.

Ein Priming-Effekt tritt ein, wenn ein oder mehrere Sinnesorgane eine Information empfangen, die ans Gehirn weitergeleitet wird. Dort wird nach einem Ereignis gesucht, das mit einer Sinneserfahrung auf diese oder in ähnlicher Weise bereits vormals gemacht wurde. Automatisch wird der frühere Erregungszustand, der mit der alten Erfahrung entstand und abgespeichert wurde, erneut aktiviert.

Tests mit Zitronen

Zitronen haben nicht nur einen Speichelfluss-Effekt, sondern auch einen Reinlichkeits-Effekt, weil in unserer zivilisierten, sauberen Welt die Waschmittel-Industrie Reinigungsmittel oft mit Zitrusduft versetzt. Die Zitrus-Reinlichkeitserfahrung wurde bei uns bereits im Kindesalter im Gehirn angelegt. Der niederländische Psychologe Rob Holland entwickelte hierzu einen Test und setzte Versuchspersonen in einen Raum, der kaum merkbar mit Zitronenduft parfümiert worden war. Die Probanden erkannten in einem ersten Test viel schneller als die Kontrollgruppe Wörter, die mit Sauberkeit zu tun hatten. Als sie auflisten sollten, was sie im Laufe des Tages noch vorhatten, schrieben 36 Prozent etwas auf, das mit Putzen zu tun hatte (Kontrollvergleich nur 11%). Und als sie nach dem Experiment einen Keks essen durften, wandte die dem Zitronenduft ausgesetzte Gruppe viel mehr Zeit dafür auf, die Krümel zu entfernen.

Nachdem Sie jetzt so viel über Zitronen erfahren haben, prüfen Sie doch mal Ihren Speichelfluss! Wirkt das Zitronen-Priming bereits?

Geprimed wird immer und überall!

Forscher führten unzählige Priming-Effekt-Tests durch. Sie fanden heraus, wie leicht und wie irrational sich Menschen in ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen durch Primes manipulieren lassen. Werbeabteilungen hatten gewissermaßen einen riesigen Spaß an den Ergebnissen, bekamen sie somit eine Anleitung, wie man Menschen dazu bringt, Dinge zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen oder wollten. Sogar manche Politiker bedienen sich der Manipulation mithilfe Priming. Denn Worte wie z.B. Herdprämie, Steueroase, Alternativlosigkeit oder Finanz-Tsunami wirken wie Metaphern, die einen bestimmten Gefühlszustand erzeugen. Von beruhigend bis Angst einflößend, von euphorisch bis lethargisch beherrschen viele Politiker die Klaviatur des Primings durch Verwenden von Metaphern und Wortspielen. Und manch einer Regierung unterstellt man sogar Wahlmanipulation mittels gezieltem Priming-Einsatz im Internet.

Ebenso der knallrote Lippenstift, der Push-up fürs Dekolletee, der geschickt platzierte Autoschlüssel einer teuren Automarke, das männlich lässige Outfit sind Primes, die gern zum Verführen eingesetzt werden. Priming-Effekte finden ständig und überall statt. Ein Leben ohne Priming-Einfluss wäre nur möglich, wenn ein Mensch seine Sinne abschalten könnte, was gleicherweise jedoch auch zeigt, dass der Effekt von Priming in vielen Fällen sehr viele und auch sehr positive, schöne Gefühle erzeugen kann.

Wenn Sie einem Menschen gegenüberstehen, mit dem Sie früher sehr angenehme Erfahrungen verbunden, werden Gefühle aktiviert und wiederbelebt, die mit den damaligen Erfahrungen ursprünglich abgespeichert wurden. Erstaunlich ist, dass dazu die Person, mit der sie früher diese eindrücklichen Erfahrungen gemacht hatten, ihnen gar nicht selbst gegenüberstehen muss; es genügt der Duft, der Name im Display ihres E-Mail-Postfachs, die Stimme auf dem Anrufbeantworter. Sogar eine andere Person, die ähnlich aussieht und an Ihnen vorbeihuscht, kann den Effekt bewirken. Selbst wenn nur ein kleines Prime einen multiplen Priming-Effekt auslöst, kann das zu einem Dominoeffekt führen. Dann befindet man sich gleich inmitten von mehreren Erinnerungen, Erfahrungen und den damit verbundenen Gefühlen, die einen emotional in Wallung bringen. Je nach Erfahrung können das sehr unterschiedliche Wallungen sein – im Guten wie im Schlechten.

Die Galerie der Erfahrungsbilder und Gefühlsrahmen

Schon von klein auf, sprich bereits vorgeburtlich, saugte unser Gehirn Erfahrungen auf, quasi wie ein Schwamm. Sobald eine Erfahrung als relevant empfunden wird, wurde diese abgespeichert, vergleichbar mit einem Bild, das in einer unvorstellbar großen Galerie aufgehängt wird. Ein „Nein, das kommt nicht in meinen Kopf“, also nicht in die Galerie, ist nicht möglich, denn die Sinne sind meist schneller, als wir ‚nein‘ sagen können. Ist ein Erfahrungsbild durch die Sinne aufgenommen worden, hängt das Bild in der Galerie – inklusive dem dazu erlebten sogenannten Gefühlsrahmen.

Erfahrungsbilder, die wir mit unseren Sinnen aufnehmen, bekommen einen Rahmen – einen Gefühlsrahmen, der hauptsächlich zwei Aussagen verkörpert: „fühlt sich gut an“ oder „fühlt sich schlecht an“. So entstehen in unserem Gehirn riesige Galerien von Erfahrungsbildern, die mit entsprechenden Gefühlen gerahmt sind. Ein Priming-Effekt ist somit ein Gefühlsrahmen, der durch das Aktivieren eines Erfahrungsbildes wieder lebendig wird. Werden verschiedene Bilder, mit unterschiedlichen Gefühlsrahmen aktiviert, entstehen Ambivalenzen. Doch dazu mehr in einem anderen Blog.

Der Selbstversuch für einen angenehmen Gefühlszustand

Falls Sie Priming mal an sich selbst ausprobieren möchten, versuchen Sie es mit diesen vier Schritten:

1. Schauen Sie sich um – jetzt an dem Platz, an dem Sie sitzen oder stehen.

2. Wählen Sie ein Prime, einen Gegenstand, ein Bild, etwas, das sie anschauen und anfassen können und dessen Anblick Ihnen 100%ig guttut.

3. Nun lassen Sie sich aufs Ausgewählte ein und fühlen Sie Ihren Körper, nehmen die aufkommenden guten Gefühle bewusst wahr, schwelgen Sie darin.

4. Gibt es eine positive Erinnerung an eine Erfahrung, die Sie mit diesem Prime gemacht haben, dann tauchen Sie noch tiefer ein und lassen sich noch etwas mehr auf die positiven Gefühlen ein. Falls ein irritierender Gedanke auftauchen sollte, winken Sie den Gedanken durch und bleiben Sie ausgerichtet auf positive Erinnerungen und Gefühle für mindestens eine Minute – gern mehr.

Wie fühlen Sie sich jetzt – nach dieser Minute selbstbestimmten Primings?

Primes lassen sich zum Selbstpriming nutzen, damit Sie sich so fühlen, wie Sie es gern hätten oder brauchen. Immer dann, wenn Sie sich einen bestimmten Gefühlszustand herbeiwünschen, probieren sie es doch aus, indem Sie Ihre Gefühle selbst regulieren, einen entsprechenden Gegenstand, ein Bild anschauen oder eine bestimmte Musik hören. Beachten Sie dabei: Ein Prime, das Wirkung zeigen soll, sollte man sehen oder hören oder riechen oder fühlen oder schmecken! Und je mehr davon gleichzeitig stattfindet, umso mehr neuronale Netze werden aktiviert und umso besser funktioniert das Selbstpriming.

Kleiner Tipp zum Schluss:

Prüfen sie, was in Ihrer Umgebung unangenehme Priming-Effekte auslöst. Vielleicht können Sie für viel mehr gute Gefühle sorgen, wenn all das oder mindestens das meiste, das unangenehme Effekte auslöst, verschwindet.

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