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Paradiesische Verhältnisse

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„Ups … ich bin unschuldig!“…ein Blog zum lesen oder 8 Minuten vorlesen lassen.

Ich schaue Nachrichten. Lasse mich informieren über die grad entdeckte Steueroase ‚Paradise Papers‘. Und erfreue mich an meinem reinen Gewissen, dass ich mit all den Steuerschlupflöchern nichts zu tun habe. Empöre mich über die Reichen, dass sie den Hals nicht vollkriegen. Und fühle mich im Recht zu sagen, dass „die“ mal alle zur Kasse gebeten werden sollen. Bono von U2, Gerhard Schröder von der SPD oder Wilbur Ross von Donald Trump, Sportler, Musiker, Minister, Konzernchefs. All diejenigen, die doch eigentlich genug auf der hohen Kante haben müssten, schaffen es, Steuerschlupflöcher zu nutzen, die mir versagt bleiben, – da werde ich schon ein bisschen neidisch.

Mal ehrlich, würden Sie nicht auch jede Möglichkeit nutzen Steuern zu sparen? Oder haben Sie schon mal was bei der Steuererklärung angegeben, was da gar nicht hingehört? Wo beginnt der Steuerbetrug, wo erreicht er eine kriminelle Ebene? Ist es legitim, wenn ich einen Bewirtungsbeleg, in dem es nicht nur um Geschäfte ging, bei der Steuer einreiche? Ist es kriminell, wenn ich beim Fahrtenbuch die paar Kilometer, die ich zum Supermarkt gefahren bin, als Geschäftsfahrt deklariere? Ist es erlaubt, wenn ich eine Sonnenbrille als Schutzbrille bei der Steuer einreiche?

Als ich noch Geschäftsführer eines Unternehmens war, in dem zig Mitarbeiter eine Menge Toiletten im Unternehmen benutzten, war auffällig, wie hoch der Toilettenpapierverbrauch war. Erst als das billigst mögliche Papier gekauft wurde, reduzierte sich der Verbrauch. Irgendjemand war also der Meinung, dass es legitim sei, etwas von dem abzuzwacken, was frei Haus im Unternehmen angeboten wurde. Ein anderer Mitarbeiter in meinem Unternehmen zockte sich Gold ab, um damit seine Spielsucht zu finanzieren. Mancher Kunde erwartete, dass bestimmte Arbeiten schwarz angefertigt wurden, andernfalls hätten Sie den Lieferanten gewechselt. Hier ein bisschen schwarz, da ein bisschen Diebstahl, garniert mit etwas Erpressung. Und dort ein bisschen Steuerhinterziehung.

Die Logik scheint zu sein: Verglichen mit all denjenigen, die betrügen, belügen, Steuern hinterziehen, fühlen wir uns im Recht, wenn auch wir mal was abzwacken. Unterm Strich – alles nicht so schlimm, weil wir im Vergleich zu den wirklich „dicken Fischen“ doch eher ein Silberfischchen sind. Irgendwie scheint die neue Steueroase, von 400 Reportern aus aller Welt aufgedeckt, dazu zu führen, dass diejenigen, die sich mit nur kleinen  Schummeleien zufriedengeben, ein reines Gewissen haben können, – wie schön!

Und wenn wir schon dabei sind, spinnen wir das Rad der Scheinheiligkeit doch noch etwas größer. Bei all den Annehmlichkeiten unserer Konsumgesellschaft beachten wir nicht, dass wir viele unserer Wohlstands-Produkte Ländern verdanken, in denen die Menschen mit ein paar Cent pro Tag auskommen müssen. Wie importieren Rohstoffe aus Afrika, Südamerika, Asien oder anderern Ländern für die dort Kriege geführt werden. Und wenn die Menschen, die dort leben, es unerträglich empfinden in ihrer Heimat dahinzuvegetieren und sich auf den Weg machen mal nachzuschauen, wo all ihre Rohstoffe so hin gelangen, dann schließt man die Grenzen oder will die Interessierten (hier Flüchtlinge genannt) nicht im Land haben. Weil sie sich erdreisten, hier leben und arbeiten zu wollen um etwas vom Kuchen des Wohlstands abzubekommen. Lediglich die Konzern-Bosse verwöhnt man, indem fette Schecks in deren schwarzen Taschen landen.

Das Rad postindustrieller Produktion dreht sich im Katastrophen-Stakkato wie folgt weiter: Die Umwelt wird verschmutzt in Ländern, die so weit weg sind, dass wir den Gestank aus deren Schloten und die Brühe in deren Flüssen nicht ertragen müssen, die schönen Produkte allerdings genießen. Wälder werden gerodet, Kinder dürfen unsere Klamotten nähen, an Tieren werden Medikamente, Schminke, Hyaluron und Silikon getestet für unsere Schönheit oder Gesundheit. Mit großen Kreuzfahrtschiffen schippern wir über die ganze Welt und genießen den Luxus. Dabei schauen wir uns lieber  den romantischen Sonnenuntergang an, statt die Luft und das Wasser das wir mit all dem Dreck verpesten, den wir produzieren, während wir unseren Cocktail schlürfen. In den Meeren werden Fische gegen Plastiktüten ausgetauscht und beim Klimagipfel steht außer Frage, dass man lieber Umsatzschutz statt Umweltschutz betreibt, denn das könnte der Wirtschaft nicht gefallen oder Wählerstimmen kosten.

Doch wehe, wenn eine Partei auf die Idee käme, an all dem etwas ändern zu wollen. Ein Wunder, dass es die Grünen so weit geschafft haben. Schade, dass sich die angeblichen Protestwähler für extrem rechte oder linke Parteien entschieden haben und nicht für Grünen. Dann hätten wir jetzt vielleicht sogar die Grünen an der Macht – wow…da hätte ich Spaß und würde mich nicht so fremdschämen, für all die Deutschen Afd-Wähler, bei denen ich manchmal sprachlos bin, wenn sie mir ihre Argumente darbieten.

Ich wollte das alles mal loswerden, mich mal moralisch richtig aufregen. Damit ich mich jetzt meinem Kaffee widmen kann, ausnahmsweise fair trade, dafür die billige Milch aus dem Aldi. Telefoniere mit meinem schicken iPhone, tippe auf mein in Aluminium ummanteltem MacBook, stöbere im Internet nach billigen Klamotten, haue mir ein Stück Fleisch aus der Massentierhaltung in die Pfanne und genieße die reine Luft, in der immer weniger Insekten und Bienen umherschwirren, weil irgendjemand etwas falsch macht, – aber ich nicht – , ich bin unschuldig. Das hab’ ich mir verdient, mein Leben ist hart genug und die Erde wird das schon verpacken, – auf jeden Fall solange ich lebe. Soll sich doch meine all so moralisch, rebellisch und werteorientierte Tochter drum kümmern.

Und da ich mit meinem jetzigen Job nicht viel kaputt mache, und auch nicht so viel Geld verdiene, dass es sich lohnen würde, dafür ein Konto auf den Cayman Inseln zu eröffnen, gönne ich mir die Lästereien über die da Oben, – das entlastet mich und lenkt mich extrem gut ab davon, über mich und mein Konsumverhalten nachzudenken.

Wie geht es Ihnen? Gut? Wunderbar. Sind sie auch so gut im Verdrängen wie ich – oder ein Profi in der Umdeutung der Realität? Sind Sie jemand, der sich aufregt und nichts tut, ein Bio-Einkäufer, ein Foodwatch-Aktivist, ein Protestwähler, ein bekennender ‚Mir doch egal-Typ‘ oder fühlen Sie sich ebenso machtlos wie ich manchmal, so dass nur noch ein zynischer Blog übrig bleibt, der mir hilft, mit all dem klar zu kommen, was mich grad ängstigt, aufregt, mich ohnmächtig in die Luft starren lässt?

Im diesem Augenblick, würde ich am liebsten mit einem Zelt auf’s Land ziehen mich voll und ganz der Permakultur hingeben und mich dafür einsetzen, die Welt zu verbessern. Doch keine Sorge, diesen Anflug von „Weltverbesserer“ kenn ich schon, dass geht wieder vorbei.

1 Comment

  1. Stephan Knorr sagt:

    Ja mein lieber, da bin ich ganz bei dir, wenn ich schon beim herrmannsdörfer unverschämt teures Bio Fleisch kaufe um mein Gewissen zu beruhigen, da darf ich wohl mal mit 240 über die Autostrada düsen, noch dazu wenn’s geschäftlich ist und die Patienten warten, und die paar Flüchtlinge sind mir doch immer willkommen solange sie nicht vor meiner Türe stehen, schließlich zahl ich Steuern, Angela macht das dann für uns….
    Kurze Gedanken zur Säuberung des Tages….
    Schließlich will ich auch mal ruhig schlafen
    Wie immer cordiali saluti von deinem korrekten Freund Stephan

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