Von Meinungsverschiedenheiten und Bildergalerien

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Von Meinungsverschiedenheiten und Bildergalerien

© fotolia © Tiko

Da stehe ich, vor einer rund 70 Teilnehmer zählenden Gruppe männlicher Mitarbeiter eines Konzerns. Die Anwesenden wissen aus ihrer Einladung, worum es beim Seminar geht: Um den Aufbau von Kompetenz für Selbstmanagement, und wie man kluge Entscheidungen trifft. Alle sind aus freien Stücken hier und eine Dame aus dem Personalwesen stellt mich mit passenden Worten vor. Nach einer kurzen Einleitung zum Thema stelle ich die Frage: „Mit welchen Herausforderungen in ihrem Leben möchten sie besser umgehen?“ Kurzes Zögern, dann die erste Antwort:

„Ich möchte besser damit klarkommen, wenn meine Frau anderer Meinung ist als ich!“

Später war von weiteren Herausforderungen die Rede, doch über diese eingangs Genannte habe ich während meiner Zugfahrt nach Hause lange nachgedacht.

Kennen Sie es auch, dass jemand anderer Meinung ist als Sie? Dumme Frage. Ja klar, wer kennt dieses Gefühl nicht? Seit wir auf die Welt gekommen sind, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass nicht alles und jeder nach unserer Pfeife tanzt. Doch wie können wir damit umgehen? Gibt es dafür Grenzen? Worin besteht der Unterschied zwischen dem Umgehen mit der anderen Meinung meines Chefs, meines Kindes, meiner Eltern, meines Nachbarn, dem Links- oder Rechtsradikalen, dem Europafreund oder Feind, dem Steuerflüchtling, dem Veganer, dem Diktator, dem Muslim, dem Christen und so weiter und so fort?

Unterschiedliche Meinungen zu haben und sich miteinander solange über diese auszutauschen zu können, bis man sich einigt – das wäre schön, oftmals verdammt schwer, manchmal unmöglich. Es scheint sogar so schwierig zu sein, dass darüber nicht nur Streit in Ehen und im Beruf entsteht, sondern auch Krieg zwischen Völkern, wie ich es in Gesprächen mit Freunden, Bekannten, Kunden und bei Vorträgen erfahren darf, es in der Zeitung lese oder in den Nachrichten höre. Und bei mir selbst: Sicher, da kenne ich es auch. Wenn unterschiedliche Meinungen zu Streit oder zum Ausgrenzen Andersdenkender aus der Gemeinschaft führen – wie könnte es gelingen, mehr Austausch stattfinden zu lassen, der nach Möglichkeit zur Akzeptanz von Andersartigkeit führt? Und bis zu welcher Grenze?

Dies zu hinterfragen, gehe ich fantasievoll an: Von frühster Kindheit an habe ich in meinem Leben Erfahrungen gemacht. Bezeichnen wir diese Erfahrungen mal als Bilder. Jedes Bild – somit also jede Erfahrung – wird von einer Stimmungslage gerahmt. Diese Stimmungslage steht entweder für „Fühlt sich gut an, weitermachen“, oder für „Es fühlt sich nicht so gut an, sein lassen“. Jedes dieser Bilder kommt mitsamt dem gewählten Stimmungsrahmen in meine riesige Bildergalerie, ins emotionale Erfahrungsgedächtnis. Wie in jeder gut sortierten Ausstellung werden im emotionalen Erfahrungsgedächtnis schon vor der Eröffnung – im übertragenen Sinne: vor der Geburt – viele Bilder gerahmt und gesammelt. Galerie-Eröffnung war bei mir am 17. April 1966, meinem Geburtstag. Die ersten Bilder wurden allerdings schon im September 1965 gesammelt und gerahmt, in der fünften embryonalen Woche. Als dann die Eröffnung gefeiert wurde, war in der Galerie noch viel Platz. Binnen kürzester Zeit wurde jede Menge weiterer Bilder gesammelt, gerahmt und aufgehängt. Manche davon sind einzigartig und deshalb sehr prominent platziert, andere wirken vergleichsweise langweilig. Mein Erfahrungsgedächtnis ist eine Standardsammlung, wie sie viele Galerien besitzen.

Als die Ausstellung immer weiter wuchs, beschloss der Vorstand, dass man einen Galeristen – im übertragenen Sinne: den Verstand – braucht, der die richtigen Bilder auswählt. In dieser Galerie gibt es Bilder, die Erfahrungen von ehelichen Streitigkeiten meiner Eltern und Auseinandersetzungen von mir mit meinen Geschwistern zeigen, außerdem Szenen aus dem Fernsehen, aus Büchern und aus Märchen. Bei jedem Erfahrungsbild spielt der Rahmen eine wesentliche Rolle. Entscheidend ist nämlich, mit welchen Gefühlen die jeweiligen Streit- oder Diskussionsszenen gerahmt sind.

Nun kommen wir zu jenem Mann zurück, der mich im Seminar gefragt hat, wie er sich verhalten soll, wenn seine Frau anderer Meinung ist als er. Die Kurzversion meiner Antwort lautet: Falls Sie Ihr aktuelles Verhalten nicht gut finden, dann suchen Sie in Ihrem emotionalen Erfahrungsgedächtnis nach Bildern aus der Abteilung „Meinungsverschiedenheiten“ und prüfen Sie den Rahmen. Es könnte sein, dass es viele verschiedene Erfahrungsrahmen zu den unterschiedlichsten Bildern gibt, doch werden sie hier die Ursache für Ihr ungewünschtes Verhaltens finden. Sobald Sie aussagekräftige Bilder gefunden haben, können sie damit beginnen, sich diese mal genau anzuschauen. Wollen sie bestimmte Bilder behalten, sollen sie in der Galerie bleiben? Oder möchten Sie sie lieber einlagern und dafür andere Bilder mit anderen Gefühlsrahmen zeigen?

Falls Sie beim Einmotten, An- oder Verkauf von Bildern oder beim Wechseln der Rahmen Hilfe brauchen: Dafür gibt es Bilderhändler und Rahmenexperten. Wenn es etwas schneller gehen soll, ziehen Sie einen einschlägig bewanderten Berater, Coach oder Trainer hinzu. Falls etwas Zeit ist und Sie größere Bereiche der Galerie umgestalten wollen, gehen Sie zu einem Psychologen oder machen Sie eine Therapie. Mein Tipp an aller Galerie-Inhaber: Schaut mal nach, welche Bilder bei Euch hängen, wenn Ihr das nächste Mal Meinungsverschiedenheiten auszutragen habt. Prüft dabei nicht nur die Bilder selbst, sondern vor allem deren Deutungsrahmen. Und überlegen Sie mal, auf welche Weise Sie einen Zugang zur Bildergalerie Ihres Gegenübers erhalten – vielleicht sind Sie erstaunt, welch eindrucksvolle Kunst dabei zum Vorschein kommt.

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