Lügen, für ein gutes Gefühl

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Die Wissenschaft ist sich einig darüber, dass wir Menschen am Tag im Durchschnitt 200mal lügen. 200mal am Tag entscheiden wir, bewusst oder unbewusst, ob etwas gut ist für uns – oder nicht gut ist für uns – und lügen entsprechend. Wir lassen dabei richtig und falsch aussenvor, verbiegen die Wahrheit, lügen wie gedruckt, faken, schummeln. Wir machen Komplimente, obwohl wir sie nicht ernst meinen, lassen uns verleugnen, sagen dies und handeln anders.

Sie wissen, was ich meine, oder?

Es gibt Lügen, mit denen man in der moralischen Bewertung etwas toleranter umgeht. Es sind die „nicht so schlimmen Lügen“. Die charmanten Engländer nennen sie „white lies“: Bei dem Geschenk von Tante Käte, das nicht so toll ist, wie wir kundtun, wenn wir es vor ihren Augen öffnen. Bei Bewerbungsunterlagen oder Marketingkampagnen, die dem jeweiligen Bedarf angepasst werden, auch wenn manch vollmundiges Versprechen nicht immer ganz der Wahrheit entspricht. Und sollte Sie jemand fragen, ob bestimmte Körpermaße sich auffällig vergrößert hätten oder generell (zu) klein seien, sollten Sie sich sehr gut überlegen, wie Sie die Wahrheit möglichst schonend verpacken.

Es scheint, als gäbe es ein Ranking von Lügen: Manche der 200 täglichen Lügen scheinen sozial kompatibel, andere ganz und gar nicht. Es gibt Lügen, die unsere Leben nachhaltig beeinflussen, – Lügen mit Folgen, die man gern vermieden hätte. Und ich sage hier mal ganz ehrlich: Ich bereue manch eine Lüge, die ich aussprach, mehr, als Handlungen, die ich vornahm. Und doch weiß ich, dass die Erkenntnis darüber meinen moralischen Kompass nicht automatisch störungsfrei funktionieren lässt.

Ab welchem Alter beginnen Kinder zu lügen?

Die Psychologinnen Leslie Carver und Chelsea Hays von der University of California führten mit 186 drei- bis siebenjährigen Kindern ein Experiment durch, um herauszufinden, ab welchem Alter die Kinder flunkern können. Bei dem Experiment wurden die Kinder mit einem unter einem Tuch versteckten Stofftier alleine gelassen. Die Anweisung der Forscherinnen war eindeutig: „Schaut nicht unter das Tuch!“ Das stachelte die Kinder jedoch nur noch mehr an. Die Mehrheit von ihnen konnte es sich nicht verkneifen, doch mal unter das Tuch zu schauen. Die Hälfte der drei- und vierjährigen Kinder gab ihre Schummelei später zu. Anders war es bei den älteren Kindern, die Fünf- bis Siebenjährigen schworen anschließend, sich an die Anweisung gehalten zu haben.

Wenn eine Lüge nicht reicht

Ab der 5. Schwangerschaftswoche bildet sich unser Gehirn. Zunächst alle jene Gehirnareale, die dazu dienen, unsere Körperfunktionen zu regeln sowie die grobe Landkarte unserer Identität und unserer Steuerungssysteme für Gefühle und Stimmungen. Daraus resultieren unbewusst agierender Affekte und Verhaltensmuster. Wir lernen sehr früh – auf unbewusster Ebene –, was wir tun müssen, um geliebt zu werden (Bindungsbedürfnis). Ebenfalls lernen wir, wie wir uns verhalten sollten, um Leib und Leben zu schützen (Sicherheitsbedürfnis). Und wir lernen sehr früh, was zu tun ist, um ein gewisses Maß an Kontrolle über unser Leben zu haben (Kontrollbedürfnis). Die Ziele unserer mittels Körperregungen geäußerten Bedürfnisse sind: Ernährt werden, gekuschelt werden, die Kontrolle über das sichere Fortschreiten unseres Lebens zu haben. Automatisierte Selbststeuerungs- und routinierte Verhaltensmuster werden dabei als „gut für mich = weiter so“, oder „schlecht für mich= sein lassen“ auf unbewusster Ebene in den ersten Monaten unseres Lebens abgespeichert.

Erst mit ca. 2,5 Jahren, in Folge der Bildung unseres Verstandes (präfrontaler Cortex) und des dazu sich entwickelnden Sprachzentrums, dem Broca Areal, erleben wir, dass wir in der Lage sind, unbewusst auftretende Bedürfnisse mittels Lügen kurzfristig zu befriedigen. Es scheint, als ob wir einen zusätzlichen Schalter entdeckt hätten, mit dem wir unsere Basisbedürfnisse kurzfristig befriedigen können, indem wir lügen. Mitverantwortlich für das Entwickeln erster eigener frühkindlicher Lügenexperimente sind Erwachsene, die uns das Lügen vormachen (Vorbilder). Und, weil eine Lüge uns (nicht nur) als Kleinkinder in einer unkontrollierbaren Umgebung zur vorübergehenden Sicherung unserer drei wichtigsten Bedürfnis dient.

Als grobes Entscheidungsmuster gilt dabei auch hier: Unangenehme Gefühle vermeiden und/oder angenehme Gefühl erzeugen!

Da unser Unterbewusstes prinzipiell auf das Hier und Jetzt ausgerichtet ist, entgeht ihm gerne, dass bei manchen Lügen mit Konsequenzen in der Zukunft zu rechnen ist, welche erneut negative Gefühle mit sich bringen können. Und spätestens ab dem Zeitpunkt, ab dem auf eine Lüge die nächste folgt, könnte es passieren, dass die Wahrheit komplett auf der Strecke bleibt. Wurde das Aussprechen der Wahrheit in unserem Unbewussten als gefährlich abgespeichert, dann hat es die Wahrheit nicht leicht. Die Angst vor Sanktionen in Bezug auf unsere drei Basisbedürfnisse spielt bei dem Versuch, das Aufdecken einer Lüge zu verhindern, eine besondere Rolle.

Es gibt notorische Lügner, die keine Gelegenheit auslassen, sich hinter Lügen zu verstecken. Es gibt Menschen, die mit jeder Lüge ein klein wenig erfolgreicher werden. Was dazu führt, dass die Lüge quasi legitimiert wird. Und es gibt Lügner, die aus speziellem Anlass oder auf Grund innerer Zerrissenheit den Weg der Lüge wählen. Wer sich mit der Lüge wohl(-er) fühlt, dem ist schwer nahe zu kommen.

Wer glaubt, dass doch die Wahrheit in manchen Lebenslagen besser sein könnte als die Lüge, der muss sich seiner Bedürfnislage bewusstwerden samt der irrationalen Gefühle, die ihn bisher trieben, der Lüge den Vorzug zu geben. Kein leichter Weg. Doch vielleicht beginnen Sie, sich als erstes bewusst zu werden, welche Gefühle in dem Augenblick aktiviert sind, in dem Sie sich auf dem „besten Weg“ zu einer Lüge befinden. Oder rückblickend, welche Gefühle Sie getrieben haben zu lügen.

Falls Sie sich mehr darüber informieren möchten, wie Sie sich der Wahrheit oder den damit verbundenen unangenehmen Gefühlen nähern können, googeln Sie doch mal: Radical Honesty.

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