Lass doch einfach mal los!

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Lass doch einfach mal los!

Lass doch einfach mal los!

Hin und wieder trifft man jemanden, der davon spricht, dass er oder dass sie etwas loslassen muss.

Seine geliebten Kinder loslassen, loslassen müssen, das kann wie ein hartes Muss für Mutter oder Vater werden, wenn der groß gewordene Nachwuchs in die Welt hinausziehen will.

Oder sein geliebtes Haustier, das man loslassen muss, da doch die meisten Haustiere ein viel kürzeres Leben leben als man selbst. Und es kann sein, dass man einen Menschen loslassen muss, sogar, wenn dieser einem sehr ans Herz gewachsen ist – was auch immer dazu beitrug, dass sich die Wege trennen.

Gleicherweise gibt es Gegenstände, die mit speziellen Erfahrungen und Erinnerungen verbunden sein können, von denen man sich ebenfalls kaum oder nur schwer trennen kann.

Doch gibt es auch noch die schlechten Erfahrungen, Erlebnisse oder Erinnerungen, Andenken, die mit Zorn, Wut, Angst, Schuld oder Scham verbunden sein können: die man gern hinter sich lassen möchte, die einen jedoch einfach nicht loslassen wollen. Aber solch Erfahrenes hält nicht fest; es wird festgehalten – oft aus nur scheinbar gutem Grund. Doch das sollte nicht davon abhalten, es dennoch zu ändern. Nicht selten wäre das sogar besser.

„Lass doch einfach los!“ – Manch einer sagt dies, als bräuchte man lediglich die klammernde Hand öffnen, die Handfläche nach unten, und was immer sich in der Hand befand, das ist jetzt weg. Wäre es nur so einfach.

Das dies nicht möglich ist, haben Sie sicher auch schon gemerkt.

Doch wie geht das nun mit dem Loslassen?

Auf jeden Fall muss man sich intensiver damit beschäftigen, als es einem lieb ist.

Denn all das, das uns irgendwie wichtig ist, was relevant, sprich bedeutend war für unser Leben, das eine Art psychobiologische Spur hinterlassen hat, das ist fest eingeprägt, wie eingraviert in unsere unvorstellbar große, innere Bilder- und Gefühlslandschaft: gespeichert in unserem Gehirn.

Erfahrungen und Erlebnisse, die mit besonders schönen oder besonders negativen Gefühlen gekoppelt waren, entwickeln ein neuronales Netz, das sehr stabil ist.

Es gibt drei Möglichkeiten, unerwünschte neuronale Netze aufzulösen:

1. Möglichkeit: chirurgisch – Option mit größten Nebenwirkungen, die ich persönlich keinesfalls ernsthaft empfehle.

2. Möglichkeit: Betäuben – ebenfalls nicht zu empfehlende Alternative, gleichfalls mit sehr großen Nebenwirkungen und der großen Gefahr, an Betäubungsmitteln suchtmäßig festzuhalten. Ganz gleich ob das Suchtmittel flüssig, fest, pulvrig, lebendig ist oder man sich mittels unkontrollierbarer Geldausgaben betäubt.

3. Möglichkeit: Ersetzen – durch eine neue, gesunde“Erfahrung, ein neues Erlebnis oder eine kluge Erkenntnis, die mit einem guten Gefühl verbunden ist. 

Wenn wir etwas loslassen wollen oder sollten, dann müssen wir uns damit befassen, was wir stattdessen lieber hätten, denken oder fühlen wollen.

Wenn ich das Rauchen aufgeben, also loslassen will, dann stelle ich mir die Frage, was ich lieber täte, atme, fühle, schmecke als das Rauchen. Und in welchen Situationen soll das sein?

Wenn ich eine Erinnerung an eine bestimmte Person oder ein Ereignis mit einer bestimmten Person verblassen lassen will, sollte ich mich fragen, woran ich mich lieber erinnere als gerade an diese Person.

Schwierig wird es, wenn solch loszulassende Erinnerung ausgerechnet mit einem Menschen* (ebenso einem Tier oder einem Gegenstand) verbunden ist, mit dem auch viel angenehme Gefühle verknüpft sind, so dass es besonders schwerfällt, sich etwas Schöneres vorzustellen für das Loszulassende. Zum Beispiel beim Trauern um einen geliebten Menschen, oder auch wenn eine Beziehung zu Bruch geht, die eigentlich gar nicht so schlecht war.

Ebenfalls kompliziert wird es, wenn man an unangenehmen Erinnerungen festhält, weil man paradoxerweise eine Art Befriedigung beim Festhalten empfindet: wenn der empfundene Gewinn durchs Festhalten negativer Gefühle größer erscheint und wie besser wirkt als das gewollte Loslassen.

Um dies zu verdeutlichen, hier ein nur kleines Bespiel: Manche Menschen, die sich in finanzielle Krise brachten, werfen sich ihr Versagen viel länger vor, als es nötig wäre. Sie halten lieber noch etwas an der Schuld fest, als sich erneut hinaus in die Welt zu wagen: es könnte doch die Gefahr bestehen, erneut auf die Nase zu fallen? Da hält manch einer viel lieber an den unangenehmen Schuldvorwürfen fest, als sich dem psychischen Schmerz einer eventuell erneuten Niederlage auszusetzen. Oft beobachte ich das Festhalten an schlechten Gefühlen bei Paaren die sich trennen oder getrennt haben. Wie schade, dass manche Trennungspartner an ihren schlechten Gefühlen festhalten, wie an ihrem Lieblingspulli der schon lange nicht mehr passt, vergilbt und löchrig ist.  

Zu den drei folgenden Fragen, die man stellen kann, wenn Sie jemanden zum Loslassen ermuntern wollen, ergänze ich drei Empfehlungen:

1. Trauert die Person? Braucht es vielleicht noch etwas Zeit, um am Loslassen zu arbeiten?

Meine Empfehlung: Fragen Sie die betreffende Person, was sie sich von Ihnen erwünscht. Doch wenn die Trauer noch zu groß ist, nehmen Sie sie erst einmal nur in den Arm und fragen später noch einmal nach.

2. Fehlt dieser Person das Wissen, wie man neue – die beschriebenen – neuronalen Netze umgestalten kann? Fehlt Ihrem Gegenüber also das Wissen, das Sie jetzt schon bis hierhin erfuhren?

Meine Empfehlung: „Neurotraining“ oder gezielte positive Ablenkung, evtl. schon durch Sie oder auch durch weitere Freunde oder mit Hilfe eines Menschen, der sich professionell mit Ablenkung oder neuronalen Umbauprozessen beschäftigt. Vielleicht senden Sie ihm den Link zu diesem Blog. (oder einem passenden Seminar)

3. Erscheint es Ihnen so, als ob die Person davon quasi profitiere, an den negativen Gefühlen festzuhalten, statt an einer Veränderung zum Positiven zu arbeiten?

Meine Empfehlung: Lassen Sie los! Gehen Sie zurück zu Punkt 1 oder 2 und überlegen Sie sich, mit welcher der beiden Möglichkeiten Sie starten und gegebenenfalls nochmals beginnen wollen.

Damit sich meine letzte Empfehlung nicht zu hart anhört: Sie können noch eine Zeitlang versuchen, Ihren Mitmenschen davon abzubringen, an seinem selbstzerstörerischen Verhalten festzuhalten. Doch irgendwann kommt die Zeit, dann sollten auch Sie erkennen, dass die Zeit gekommen ist, am Loslassen zu arbeiten.

(*Ich schreibe dies in Erinnerung an einen alten Freund, den ich vor einigen Jahren loslassen musste, weil manch anderer Freund von ihm, die Familie und auch ich ihn nicht davon abbringen konnten, vom Alkohol loszulassen.)

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