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Lass Dich berühren!

Menschen brauchen Kontakt – Hautkontakt, einvernehmlich und gewissermaßen regelmäßig. Warum? Das möchte ich Ihnen erklären.

Der erste Sinn, der in uns ausgebildet wird, das ist der Tastsinn und zwar schon ab der 5. Schwangerschaftswoche. Zu diesem Zeitpunkt besteht der sich entwickelnde Mensch vor allem aus dem wachsenden Herzen, einigen Äderchen und den ersten Synapsen unseres Gehirns, die sich verästeln (also den Berührungsstellen von Nerven und Muskeln); und aus der Hülle, die uns umgibt: die Haut. Als Gesamtorganismus war man zu diesem Zeitpunkt gerade mal so groß wie ein Daumen, den Sie jetzt vielleicht anschauen. Alle Informationen, die Sie über die Haut wahrnehmen, werden sofort an das Gehirn weitergeleitet, um dort als Erfahrung abgespeichert zu werden.

In der Gebärmutter ist das ein sehr entspanntes Leben, weil dort alles recht weich und flauschig ist. Und mal angenommen, Sie sind Zwilling; dann erschreckten sie sich das erste Mal, als Ihr Zwilling Sie anstupste und Sie beide spürten, dass Sie diese Höhle nicht allein bewohnten.

Langsam wachsen Sie vor sich hin und die anderen Sinne entwickeln sich – step-by-step. Irgendwann berühren Sie sich selbst, tasten mit der Hand Ihr Gesicht oder stecken den Finger in den Mund. Alles findet noch immer im Bauch Ihrer Mutter statt. Als Fötus umgibt Ihre Haut Ihren gesamten Köper, schützt ihn und meldet jeden Kontakt. Während Sie sich im Bauch Ihrer Mutter befinden, werden Sie doppelt geschützt. Einerseits durch Ihre Haut, andererseits durch die Haut der Mutter inklusive allem, das sich dazwischen befindet.

Nach neun Monaten wird’s zu eng in Ihrer Höhle und Sie verlassen diesen Ort. Sie kommen auf die Welt und nun gibt’s keine zweite Haut mehr: Alles, was an Eindrücken an Ihrer Körperoberfläche stattfindet, das ist unmittelbar. Sofort wurden Sie als Baby, wenn möglich, auf die Brust Ihrer Mutter gelegt und Ihre Haut signalisiert Ihnen (neben all den anderen Sinneserlebnissen), dass Sie sicher sind. Diese positive Erfahrung wird durch Ihren Körper sogleich honoriert: er beruhigt sich. Durch diesen positiven, den schützenden Hautkontakt produziert Ihr Körper Oxytocin. Das ist ein Hormon, das die emotionale Bindung stärkt und unter anderem dann ausgestoßen wird, wenn ein Kontakt als angenehm erlebt wird.

Oxytocin verringert den Bluthochdruck und den Cortisol-Spiegel, wirkt damit beruhigend und kann sogar zu verbesserter Wundheilung führen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Oxytocin die Auswirkungen von Stress verringert. Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Oxytocin-Haushalt Einfluss auf das Körpergewicht des Menschen hat. Dieser Effekt beruht auf einem gesteigerten Fettstoffwechsel durch einen verstärkten Abbaumechanismus freier Fettsäuren.

Nun haben Wissenschaftler außerdem herausgefunden, dass Menschen in der westlichen Zivilisation unter Oxytocin-Mangel leiden. Das wohl auch, weil Menschen sich immer seltener berühren und umarmen oder weiniger streicheln, also seltener liebevollen Körperkontakt pflegen. Eine Berührung, wie das liebevolle Kuscheln zwischen Eltern und Kindern, die innige Umarmung, wenn ein Paar gemeinsam einschläft, das Kraulen des Haars eines Menschen, den man mag, der leichte Körperkontakt eines Freundes oder einer Freundin, das Händchenhalten zwischen Paaren beim Bummeln oder die Hand halten einer Person, die krank im Bett liegt. Es scheint, als ob Menschen zunehmend Angst vor Körperkontakt haben, oder dass ihnen einfach die Zeit, das Vertrauen oder die Gelegenheit, sprich der Partner, dazu fehlt.

Daher möchte ich für einvernehmlichen Körperkontakt plädieren.

Ich weiß nicht, wie groß Ihr Bedarf an Körperkontakt ist und ob dieser befriedigt wird. Doch vielleicht nehmen Sie in den kommenden Tagen einmal bewusst Kontakt zu Menschen auf. Lassen Sich umarmen, den Nacken kraulen oder buchen eine Massage. Vielleicht fragen Sie jemanden, der Ihnen nahesteht, dem Sie vertrauen, ob er oder sie etwas dagegen hat oder es möchte, wenn man etwas Zeit mit Kuscheln verbringen könnte – nein, ich meine damit keinen Sex!

Nehmen Sie den Augenblick der Berührung bewusst miteinander wahr. Versuchen Sie, solch Berührung ganz klar als solche zu spüren, wie „inhalieren“.

Falls Sie als Paar durchs Leben gehen, äußern Sie doch mal, dass Sie für eine Zeitlang nur mal in den Arm genommen werden möchten. Als Hinweis auf Ihren Wunsch nach mehr Körperkontakt könnten Sie diesen Blog mit einem Augenzwinkern an Ihre/Ihren Partner/Partnerin senden.

Beobachten Sie bei Ihren „bewusst initiierten Fühlzeiten“ aufkommende Gedanken, die Ihnen vielleicht signalisieren, den Körperkontakt abzubrechen und fragen Sie sich ebenfalls, ob das, was sie als Hypothese oder als ungewollten Gedanken bemerken, wirklich wahr ist. Möglicherweise vergewissern Sie sich, ob es okay ist, den Kontakt noch etwas länger zu halten oder spontan abzubrechen, falls es „zu viel“ wird. Oder fühlen Sie so lange, wie sie wollen – weil’s einfach gut tut. Sprechen Sie vielleicht im Anschluss an Ihre Fühlzeit über das, was Sie an sich wahrgenommen haben. Und als der Hörende hören sie einfach nur zu, ohne die Eindrücke Ihre/s Partners/Partnerin zu kommentieren.

Fühlen Sie sich selbst, Ihre Haut und den Kontakt. Falls Sie negative Erfahrungen mit Hautkontakt hatten, machen Sie sich auf die Suche, versuchen Sie, den ungeliebten Erfahrungen auf die Spur zu kommen. Also: Warum war das so?

Wenn Ihnen gerade ein passender Partner fehlt, probieren Sie beispielsweise dies: die Bettdecke, die Sie zur Nacht umhüllt, ganz bewusst wahrnehmen, den Schaum eines Vollbads, das warme Wasser einer Dusche fühlen, oder den Bademantel, in den Sie sich einkuscheln, bevor Sie sich aufs Sofa legen und den Fernseher einschalten. Dass Sie sich ganz sanft, liebevoll und bewusst zärtlich berühren, an der Hand, am Hals, am Bauch. Oder Sie ein Tier „darum bitten“, es berühren zu dürfen: Denken Sie an Hund und Katz, wenn’s Ihr Haustier ist, oder sicherlich schon davon gehört haben: Gekrault zu werden, ist doch das Größte für die meisten Vierbeiner …

Und falls Sie über ausreichend Körperkontakt, Zärtlichkeit und Oxytocin verfügen, vielleicht überlegen Sie mal, wer in Ihrem Umfeld eine Extraportion gebrauchen könnte und geben Sie ein bisschen von Ihrem Wohlbefinden ab – selbstverständlich einvernehmlich und unter Berücksichtigung bestimmter Grenzen, um unerwünschte „Nebenwirkungen“ zu vermeiden.

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