Lästern – verbale Highheels eines „kleinen Menschen“

Ralf Haake Korfu
Wandel oder Sein?
28. Juni 2017
Neues aus dem Blog von Ralf Haake
Selbstbestimmung durch Priming
12. Juli 2017
Alles zeigen

Lästern – verbale Highheels eines „kleinen Menschen“

Mit eines „kleinen Menschen“ sind nicht kurze Menschen, also Kinder oder Kleinwüchsige gemeint, sondern die Menschen, die durch das Lästern sich selbst erhöhen wollen. Sie nutzen „verbale Läster-Highheels“, um sich kurzzeitig vermeintlich größer zu machen. Langfristig richten sie bei sich selbst und anderen oftmals großen Schaden an. Wenn man beispielsweise Dschungel-Camper bei einer TV-Sendung dabei beobachtet, wie sie sich zum Affen machen, ist dies eine Einladung, vom Leder zu ziehen – immerhin lästern die meisten in ihrer Dschungelgruppe gewissermaßen wie vorbildlich. Solche TV-Sendungen sind quasi eine Einladung zu einer Läster-Gala, zu der man ohne Läster-Highheels nicht erscheint.

Doch ich möchte in diesem Blog nicht über den Klatsch und Tratsch von Prominenten schreiben, die für ihre Show bezahlt werden oder die aufgrund ihres politischen Amtes mit einem gewissen Maß an Abwertung und Sarkasmus rechnen müssen. Ich spreche über das schlecht Reden im Alltag, über das Munkeln und Tuscheln hinter meinem Rücken, ohne dass ich eingeweiht werde. Ich meine das Lästern, ohne dass ich eine Chance bekäme, zu reagieren, ohne dass mein Wort gehört würde, ohne Austausch, ohne die Gelegenheit, vielleicht ein Missverständnis aufzuklären, ohne dass meine Gedanken einen Platz bekommen, ohne dass meine Gefühle beachtet werden.

Neulich gab es eine Situation, die ich gern anderes geregelt hätte. Ich bemühte mich, das Richtige zu tun, doch lag ich mit meiner Entscheidung daneben und schwups, wurde nicht mehr mit mir, sondern über mich geredet.

Ich hätte die tratschende Person gerne angesprochen, doch die Person, die mir davon berichtete, wollte mich nur warnen, allerdings ungenannt bleiben. Ich respektierte dies, denn immerhin bestand die Gefahr, dass sich zu mir eine weitere Person gesellt, über die dann hergezogen worden wäre. Also entschied ich mich, eine eigene Lösung zu entwickeln, denn erstens wird es nicht das letzte Mal gewesen sein und zweitens treffe ich immer wieder auf Menschen, die sich auch fragen, wie sie damit umgehen sollen, dass hinter ihrem Rücken über sie geredet wird.

Als erstes fragte ich mich, ob ich die Gefühle, die mit „Buschfunk“ zu tun hatten, schon von früher kannte. Ja, die kenn’ ich: Ich erinnerte mich an die ersten Schuljahre, in denen ich mich ausgegrenzt fühlte. Meine Zähne standen zu weit vor, meine Ohren zu weit ab. Bei den Zähnen war ein Kieferorthopäde hilfreich, die Ohren lernte ich zu akzeptieren. Als Teenager machte ich mir ständig Gedanken darüber, was wohl die anderen von mir denken, dies beeinflusste meinen Kleidungsstil und zum Teil sogar meine Persönlichkeit. Oft zog ich mich zurück, wenn andere mit dem Tratschen begannen, da ich selbst Angst hatte, Opfer einer Lästerattacke zu werden. Manchmal beobachtete ich mich selbst dabei, dass ich mit anderen spottete – denn auch ich wollte zu der coolen Klicke gehören. Doch dort wurden ständig Menschen verhöhnt und es hagelte abwertende Meinungsäußerungen über andere. Also war ich schnell wieder raus aus der Klicke, weil ich mich schwertat, mitzumachen.

Ich selbst hatte mir oft gewünscht, dass man mich so nimmt, wie ich bin. Doch gab es aus meiner Sicht ebenso viele Gründe, die dagegen sprachen – es gab sozusagen ein eigenes inneres Lästermaul ganz allein für mich und blöderweise gegen mich.

Der Vorteil des Erwachsenwerdens ist, dass man solch inneren Sabotageprogrammen bewusst begegnen kann. Also begann ich, mich mit meinen Läster-Highheels und Abwertungen gegen mich und andere zu beschäftigen. Ganz gleich, ob man einen inneren Klatschprofi besitzt, der einen selbst klein macht oder man über andere herzieht, ab einem gewissen Alter gibt es keine Ausrede mehr, da muss man selbst ran, um mit diesem schrägen Persönlichkeitsanteil aufzuräumen.

Ich mache es mir da meist leicht – ich gehe in solch Fällen zu jemandem, der über die gewünschte berufsbedingte Professionalität verfügt. Doch wer lieber alleine eine Lösung erarbeitet, bekommt hier eine Gratishilfestellung:

Zuerst schreibe alles auf, was du sagst, wenn du über andere herziehst, oder was dir deine inneren Lästerstimmen ins Ohr säuseln.

Dann stelle dir die Frage: Ist das wahr? Ist das wirklich wahr, was du von dir oder über andere denkst oder sagst? Ist es wirklich wahr?

Dann komm dir auf die Spur, welche Gefühle hinter diesen vernichtenden Vermutungen und abwertenden Äußerungen stecken. Ist es Schmerz, Angst, Wut, Neid? Könnten es Sehnsüchte sein, negative Erwartungen, die der Anstoß für solche Gefühle sind? Bietet dir diese Situation oder eine bestimmte Person eine Projektionsfläche für Erfahrungen aus der Vergangenheit? Ist es die eigene gefühlte Unzulänglichkeit, die Bedürftigkeit, die Begrenztheit, die so schlechte Gefühle entstehen lässt, dass ein Teil von dir dich schützen will – auf eine ganz unangenehme Weise?

Ich stellte mir selbst diese Fragen, beantwortete sie mir, erkannte meinen Schmerz und konnte ihn dadurch loslassen. Ich öffnete mein Herz für mich und die Person, die meinte, mich beurteilen zu können.

Und vielleicht hilft dieser Blog denjenigen, die das Gefühl haben, dass hinter ihrem Rücken getratscht, gelästert und hergezogen wird. Wenn es nicht in Mobbing, Internet-Shitstorms oder üble Nachrede ausartet, könnte es eventuell ein wenig helfen, deine gegen dich gerichteten Abwertungen im Schrank stehen zu lassen, dort wo auch die Läster-Highheels ihren Platz haben sollten.

Beitrag teilen!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.