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Ich fühle, also bin ich!

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Die Überschrift dieses Blogs leitet sich aus dem Titel eines Buches des Professors für Neurowissenschaft, Neurologie und Psychologie Antonio Damasio* ab: „Ich fühle, also bin ich: Die Entschlüsselung des Bewusstseins“ (ISBN-13: 978-3471773499).

Seit der Aufklärung und dem berühmten Dictum „Cogito ergo sum“ (Ich denke, also bin ich) von René Descartes versucht man Probleme mittels des Verstand auf der Sachebene zu klären und zu lösen. Dieses Vorgehen mag uns weit gebracht haben, doch es stößt auch an seine Grenzen. So trotten manche Zeitgenossen nach dem Motto „Was soll ich denn machen?“ sehnsüchtig resignierend durchs Leben, und viele feste Vorsätze bleiben trotz vermeintlich starken Willens derer, die sie fassen, auf der Strecke.

Gute Gefühle sind die Voraussetzung für ein gesundes und glücklich geführtes Leben, das belegt die moderne Neurowissenschaft. Hervorgerufen durch die Fähigkeit zum bewussten Wahrnehmen und vom Wissen darum, sein Schicksal selbst zu bestimmen, tragen gute Gefühle maßgeblich zum psychobiologischen Wohlbefinden des Menschen bei. Nehmen wir mich: Obwohl ich mit dem Titel dieses Blogbeitrages grundsätzlich sehr zufrieden bin, beschleicht mich ein etwas mulmiges Gefühl. Warum ist das so? Weil das Fühlen alleine zum Sein nicht reicht – man muss schon wissen, wie man das Empfinden von Stimmungslagen trainiert.

Neulich nach einem Vortrag kam ein Top-Manager zu mir. Er erzählte: „Ich bin für einige Tage in einem Kloster zum Schweige-Retreat gewesen. Dabei habe ich allerlei Höhen und Tiefen durchlebt, am Ende aber war ich ganz beseelt und ich fuhr mit guter Laune nach Hause. Dort gab es gleich den ersten Zusammenstoß mit der Realität, der zweite folgte bald darauf in der Firma. Bald schon habe ich meiner Zeit im Kloster nachgetrauert, denn das wahre Leben ist so anders. Schlimmer noch: Fast hatte ich das Gefühl, mir ginge es schlechter als vorher.“ Ich dachte: Wie desillusionierend muss das sein? Da wagt sich dieser Mann aus seinem Schneckenhaus, um sich auf etwas so außergewöhnlich Gutes wie ein Schweige-Retreat einzulassen, und kurz darauf bereut er es fast.

Es ist wichtig, nicht nur auf das Schärfen der eigenen Wahrnehmung zu bauen, und darauf, dass man sich seiner selbst wieder bewusst wird. Darüber hinaus sollte man sich dazu befähigen lassen, gewünschte Stimmungslagen jederzeit aktivieren zu können. Mit ihnen stellt man sich auf schwierige Situationen ein und meistert anstehende Herausforderungen besser.

Ich riet dem Mann, sich an seine Zeit im Kloster zu erinnern. Dabei sollte er sich fragen, was für Bilder von dort ihm in den Kopf kämen, die von ihm gewünschte, besonnene Gefühlslage hervorrufen. Er nannte den Kreuzgang des Klosters, durch den er gerne spaziert war. Darauf schlug ich ihm vor, dieses Bild nicht nur in seiner Fantasie zu bewahren. Mein Vorschlag war, nochmals ins Kloster zu fahren und den Kreuzgang zu fotografieren, oder eine Abbildung davon im Internet zu suchen. Das Bild sollte er zehnmal kopieren und überall dort parat haben, wo er sich privat und beruflich im Laufe des Tages hauptsächlich aufhält. Beim Betrachten dieses Bild sollte er in positiven Gefühlen baden und dabei vielleicht sogar eine ganz bestimmte Körperhaltung einnehmen.

Ich benannte weitere Erinnerungshilfen als mögliche Stimmungsaufheller: Ein Stück Kordel wie von seiner Kutte im Kloster. Eine Glocke, wie es sie dort ähnlich gibt. Ab und an eine Tasse grünen Tees mit Blumen wie aus dem Klostergarten. Was immer ihn an die dortige Stimmungslage erinnere, eigne sich dafür: Gegenstände, Düfte oder Klänge, die ihm so gut getan hatten – damit sollte er sich wo immer möglich umgeben. Nur neu sollten sie sein, das war meine Bedingung.

Der Manager beherzigte meinen Rat und schrieb mir einige Zeit danach von seinen Erfahrungen: über entspannte Meetings in der Firma und stressfreie Autofahrten mit Frau und Kindern, von Familientreffen bei denen er sich zurücknehmen konnte und Kundenterminen, bei denen er auch in kritischen Situationen gelassen blieb. Er war mit sich im Reinen, begeistert und dankbar. Das Kloster hatte die nötigen Vorlagen für das von ihm erstrebte Stimmungsbild geliefert – wie gut, dass er es jetzt immer und überall zu aktivieren weiß.

Das Fazit: Denken und Wollen ist gut, aber es hilft nicht immer. Ich fühle, also bin ich!

*Antonio R. Damasio leitet das Brain und Creativity Institute an der University of Southern California. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Prinzessin-von-Asturien-Preis für wissenschaftliche und technische Forschung. Damasio ist Mitglied der National Academy of Sciences sowie der American Academy of Arts and Science. Seine sehr erfolgreichen Bücher „Descartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn“, „Ich fühle, also bin ich: Die Entschlüsselung des Bewusstseins“ und „Der Spinoza-Effekt: Wie Gefühle unser Leben bestimmen“ wurden in über 30 Sprachen übersetzt.

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