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Automatismen können echt nerven
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Vor einigen Wochen kam ein Manager nach einem Vortrag zu mir. Er erzählte: „Ich bin für einige Tage in einem Kloster zum Schweige-Retreat gewesen. Dabei habe ich allerlei Höhen und Tiefen durchlebt, am Ende aber war ich ganz beseelt und ich fuhr mit guter Laune nach Hause. Dort gab es gleich den ersten Zusammenstoß mit der Realität, der zweite folgte bald darauf in der Firma. Bald schon habe ich meiner Zeit im Kloster nachgetrauert, denn das wahre Leben ist so anders. Schlimmer noch: Fast hatte ich das Gefühl, mir ginge es schlechter als vorher.“ Ich dachte: Wie desillusionierend muss das sein? Da wagt sich dieser Mann aus seinem Schneckenhaus, um sich auf etwas so außergewöhnlich Gutes wie ein Schweige-Retreat einzulassen, und kurz darauf bereut er es fast.

Es ist wichtig, nicht nur auf das Schärfen der eigenen Wahrnehmung zu bauen, und darauf, dass man sich seiner selbst wieder bewusst wird. Darüber hinaus sollte man sich dazu befähigen lassen, gewünschte Stimmungslagen jederzeit aktivieren zu können. Mit ihnen stellt man sich auf schwierige Situationen ein und meistert anstehende Herausforderungen besser.

Ich riet dem Mann, sich an seine Zeit im Kloster zu erinnern. Dabei sollte er sich fragen, was für Bilder von dort ihm in den Kopf kämen, die von ihm gewünschte, besonnene Gefühlslage hervorrufen. Er nannte den Kreuzgang des Klosters, durch den er gerne spaziert war. Darauf schlug ich ihm vor, dieses Bild nicht nur in seiner Fantasie zu bewahren. Mein Vorschlag war, nochmals ins Kloster zu fahren und den Kreuzgang zu fotografieren, oder eine Abbildung davon im Internet zu suchen. Das Bild sollte er zehnmal kopieren und überall dort parat haben, wo er sich privat und beruflich im Laufe des Tages hauptsächlich aufhält. Beim Betrachten dieses Bild sollte er in positiven Gefühlen baden und dabei vielleicht sogar eine ganz bestimmte Körperhaltung einnehmen.

Ich benannte weitere Erinnerungshilfen als mögliche Stimmungsaufheller: Ein Stück Kordel wie von seiner Kutte im Kloster. Eine Glocke, wie es sie dort ähnlich gibt. Ab und an eine Tasse grünen Tees mit Blumen wie aus dem Klostergarten. Was immer ihn an die dortige Stimmungslage erinnere, eigne sich dafür: Gegenstände, Düfte oder Klänge, die ihm so gut getan hatten – damit sollte er sich wo immer möglich umgeben. Nur neu sollten sie sein, das war meine Bedingung.

Und zu einem weiteren Vorgehen riet ich ihm. Wenn er seinen Plan für die Woche mache, dann solle er doch gleich all die emotionalen Herausforderungen auflisten, bei denen er vorhersehen kann, dass sein „Klosterfeeling“ hilfreich sein könnte, ihn quasi in die gewünschte Stimmungslage bringt, um ruhig und besonnen zu bleiben. Für jeden noch so kleinen Erfolg solle er sich Lob und Anerkennung spenden. Jede Situation, in der es ihm nicht gelungen ist, sein Klosterfeeling zu aktivieren, soll er auflisten, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu analysieren.

Der Manager beherzigte meinen Rat und schrieb mir einige Zeit danach von seinen Erfahrungen: über entspannte Meetings in der Firma und stressfreie Autofahrten mit Frau und Kindern, von Familientreffen bei denen er sich zurücknehmen konnte und Kundenterminen, bei denen er auch in kritischen Situationen gelassen blieb. Er konnte jetzt, sein „Klosterfeeling“ immer und überall aktivieren, es war fast automatisiert. Er war mit sich im Reinen, begeistert und dankbar. Das Kloster hatte die nötigen Vorlagen für das von ihm erstrebte Stimmungsbild geliefert – wie gut, dass er es jetzt immer und überall zu aktivieren weiß.

Das Fazit: Ein Plan zu haben ist gut. Besser ist’s wenn er durch positive Gefühle untermauert ist, sonst steht der Plan auf sehr wackligem Boden.

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