Erst kommt das Gefühl, dann der Verstand.
13. September 2017
Gefühle sind planbar
27. September 2017
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© Ralf Haake

Gestern war ein super Tag!

Da stand ich auf einem Nordseedeich in Sankt Peter-Ording. Ich schaute über die weiten Wiesen im Wind: grasende Lämmer, sah die Pfahlbauten in der Ferne, den wie unendlich großen, weitläufigen Strand, der grenzenlose Horizont und dabei das klare Blau des Himmels, an dem ein paar weiße Wölkchen dahinschwebten.

Ich stand da, atmete aus, ganz entspannt, lächelte und fühlte mich frei, ja, frei.

Als ich dann mit dem Fahrrad weiterfuhr, fragte ich mich, ob es mir gelingt, dieses Gefühl in mir so aufzusaugen, dass ich es wieder aktivieren, zurückholen könnte, falls ich mich in der kommenden Woche mal unfrei fühlen sollte.

Also hielt ich an, stellte mich nochmals ganz bewusst hin, breitete die Arme aus, ließ meinen Blick über diese wunderschöne Natur gleiten, nahm die Sonnenstrahlen, den Wind, den Duft wahr – fühlte meinen Körper. Kurz darauf spürte ich, wie sich dieses Gefühl der Freiheit in meiner Brust wie zu etwas Leuchtendem manifestierte, als ob ich das Strahlen des Tages nun in mir hatte. Ich erfreute mich an all dem, was ich da gerade empfand. Ich merkte mir meine Körperhaltung und speicherte sie in mir ab: als Erinnerungsschatz – quasi als „Freiheit-to-go“. Danach radelte ich lächelnd weiter.

Ungefähr 24 Stunden später sitze ich hier in Hamburg in meinem Büro. Der Verkehr brummt vor meinem Fenster, das Zimmer, in dem ich sitze, hat etwa zwanzig Quadratmeter, voll mit Regalen, Büchern, Flipchart, Metaplanwand, Computer, Tisch, Stühle. Neben dem Schreiben eines Blogs über Verhaltentsveränderung, den ich ursprünglich geplant hatte, gibt es noch einiges anderes zu tun: Wochentermine planen, Telefonate führen, das Seminar am Wochenende vorbereiten, Zertifikate drucken – von Freiheit fühlte ich mich weit entfernt. Plötzlich erwachte mein Erlebnis vom Sonntag auf dem Deich. Spontan stand ich auf, stellte mich hin, schloss die Augen, breitete meine Arme aus: wie gestern auf dem Deich, gab mich meiner Erinnerung hin, wollte das Freiheitsgefühl nachempfinden, das ich fast wie gerade eben noch vor kaum einem Tag auf dem Deich hatte. Ich korrigierte noch ein klein wenig meine Beinposition und es gelang: atmete genau so aus, wie ich es auf dem Deich erlebte: in mir begann – anfangs mit kurzer Überraschung, dann pur – der innere Film von Wiesen, von Lämmern, die grasen, sah vor meinem inneren Auge die Pfahlbauten in der Ferne, den unendlichen Strand, den nicht enden wollenden Horizont und das reine Blau des Himmels, an dem die Wölkchen dahinzogen. Und urplötzlich war es da … das leuchtende Strahlen in der Brust und das Gefühl von Freiheit.

Ich hielt dieses Gefühl in mir aufrecht, für mindestens eine Minute.

Dann setzte ich mich wieder an meinen Schreibtisch und eine innere kritische Stimme fragte: „Na, ist jetzt wieder gut? Ist doch wieder alles beim Alten. Oder etwa nicht?“

Nein, ist es nicht. Ich fühlte mich anders: entspannter, lockerer. Ich lächelte leicht, die kleinen Nervereien, die mich vor wenigen Minuten noch störten, waren mir jetzt irgendwie egal, ich nahm einen Unterschied wahr. Und wie angespannt ich vorher war, wie ich gerade noch mit den Zähnen knirschte, doch jetzt nicht mehr.

Ich saß nun aufrechter da, konnte mich entspannt ans Werk machen. Und änderte spontan die Planung für die ursprüngliche Blog-Fortsetzung, die irgendwie anstrengend war.

Will damit sagen, falls Sie mal ein sehr angenehmes Erlebnis haben, einen Moment erhaschen, der in Ihnen ein besonders schönes Gefühl entfacht. Wenn Sie solch Erlebnis sehen, hören, fühlen, schmecken oder riechen können, dann lassen Sie das Handy stecken! Kein Selfie davon, nehmen es nicht auf Tonband auf, äh, per Voice-Recorder, reden nicht davon, gehen nicht einfach darüber hinweg, sondern nutzen Sie Ihren Körper zur „Aufnahme“, zum Speichern von diesem einen Augenblick, dieser Impression. Nehmen Sie mit all ihren Sinnen diesen Augenblick wahr und in sich auf, schweigend, als ob Sie selbst die Kamera sind: in mentalem 3-D. Vielleicht verstärken Sie die Körperhaltung noch ein wenig. Dann schließen Sie Ihre Augen, nehmen die Haltung Ihrer Arme wahr, die des Kopfes, der Schultern, des Nackens, vom Rücken, von Hüfte und Gesäß und Beinen, Ihren Stand – nehmen alles bewusst wahr. Erspüren Sie, an welchem Platz im Köper sich ein besonders schönes Gefühl breitmacht, welche Farbe oder welche Temperatur dieses Gefühl hat. Hören Sie vielleicht angenehme Klänge? Halten Sie die innere Aufnahmetaste für diesen Augenblick eine runde Minute lang gedrückt. Speichern Sie dieses ureigene Körpergefühl in Ihrem Körperbewusstsein, und dann – lassen Sie los.

Bei der nächsten Gelegenheit, wenn möglich vielleicht schon am Folgetag, machen Sie dieses „Embodiment“ (Körperhaltung mit allem, was dazugehört) erneut, schließen die Augen und imaginieren diesen inneren Film und das dazu abgespeicherte Gefühl. Falls Sie gerade an einem Platz sind, der öffentlich ist, an dem Sie mit diesem Embodiment so etwas wie Aufsehen erregen könnten, dann ziehen Sie sich kurz zurück. Für 2 bis 3 Minuten lässt sich immer ein Plätzchen finden. Und dann kehren Sie zurück – aufgetankt mit gutem Gefühl.

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1 Comment

  1. Axel C. sagt:

    …sooo viel Freiheit im quasi Miterleben: schön! Danke für diese Inspiration zum Erinnern an tollen Wind in der freien Natur, besonders beRauschend am Meer: einfach ideal zum Treibenlassen der Gedanken und vor allem Wirkenlassen der Gefühle in naturbelassener Freiheit. Ja zum Kopf-Memory positiver Erinnerungs- und Fantasie-Schleifen zum Erholen vom Alltagsstress und zum Reset der Leistungsfähigkeit, wenn man mal ’n Durchhänger hat…

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