Erst kommt das Gefühl, dann der Verstand.

Wie fühlt sich Veränderung an?
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Erst das Gefühl, dann der Verstand.

Diesmal auch als gesprochener Text: Klick hier.

Letzten Mittwoch bat ich meine Leserinnen und Leser, folgende Frage zu beantworten: „Wie reagiert Dein Körper auf eine Situation, die sich gegen Deine Erwartung, gegen Deinen Wunsch verändert?“

Die Rückmeldungen waren sehr vielfältig. Beschreibungen wurden mir in Textform oder mit der vorbereiteten Körpersilhouette in gemalter Form zurückgesandt.

Was war der Grund für diese Frage?

Ich wollte dem Leser ermöglichen, seine Gefühle sichtbar zu machen. Es kann sehr hilfreich sein, seine Gefühle zu kennen. Wie sehr, das stellt man in Lebenssituationen fest, in denen zum Beispiel die „richtige“ Kommunikation erwünscht ist oder sogar gefordert wird. Glauben Sie, dass Menschen, die sich während einer herausfordernden Situation im Strudel starker Emotionen befinden, in der Lage sind, „normal“ zu kommunizieren?

Nein!

Diese Antwort wird Sie nicht verwundern. Ich bin sogar der Meinung, dass die meisten Kommunikationstrainings und Rhetorik-Seminare für die Katz sind. Den Grund für meine Hypothese möchte ich Ihnen kurz erläutern.

Stellen Sie sich ein Thermometer vor, auf dem Sie Situationen ihrem Herausforderungsgrad entsprechend skalieren. Dieses Situations-Thermometer verfügt über eine Skale von 0 bis 100: Unten 0 (sehr leicht, easy), oben 100 (sehr schwer, raubt Ihnen den Atem). Nun stellen Sie sich eine herausfordernde Situation vor, in der Sie etwas sagen sollen oder wollen. Beispielsweise sollen Sie vor ausgewähltem Publikum eine Rede halten, oder es steht eine Diskussion mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin an, in anderem Fall wollen Sie ein unangenehmes Gespräch mit einem wichtigen Kunden oder einem kritischen Mitarbeiter führen, ferner sollen Sie bei einem Kommunikationstraining im Kreise von acht anderen Personen vor laufender Kamera ein Verkaufsgespräch führen. Sie kennen sicherlich noch mehr Muster-Fälle, in denen Sie sich schon mal im Wort vergriffen haben oder die Worte Ihnen im Halse stecken blieben.

Welche Situation fällt Ihnen ein, in der Sie „Ihr Wort machen“ wollen, diese Situation allerdings als herausfordernd empfinden?

Haben Sie solch eine Situation vor Augen? Gut, dann ordnen Sie diese dem Schwierigkeitsgrad nach auf dem Situations-Thermometer ein.

Falls Sie die Situation oberhalb von 65 einstufen, empfehle ich Ihnen, sich professionelle Hilfe zu holen, sonst könnte das Gespräch zu einem unbefriedigenden Ergebnis führen. Selbst zwischen 30 und 65 würde ich den meisten Menschen raten, sich gut auf das Gespräch vorzubereiten – bestenfalls mit einem Experten, der sich auf Gefühlsregulation versteht. Alles, was unter 30 liegt, scheint Ihnen wenig unter die Haut zu gehen und sollte zu keinem Problem werden.

Nun zur Erklärung, warum Methoden zur Gefühlsregulation wichtiger sind, als rationale Kommunikationsmethoden:

Wo kommen die Worte her, wenn kluge und reflektierte Äußerungen über unsere Lippen kommen? Aus unserem Gehirn, genau genommen dem Broca-Areal, das dem Intentionsgedächtnis angeschlossen ist, im weitesten Sinn als Verstand bekannt. Für Gefühle und Emotionen sind andere Areale verantwortlich, doch können Emotionen, wie zum Beispiel Angst, Zorn, Wut, Neid die gesamte Energie und Aufmerksamkeit des Gehirns quasi für sich beanspruchen und damit abziehen.

Falls man nicht gelernt hat, seine Gefühle zu regulieren, wird das Broca-Areal lahmgelegt und Ihnen fehlen buchstäblich die Worte.

Die andere aktive Region unseres Gehirns [beide Areale nach ihren Entdeckern benannt] zur Lautbildung ist das Wernicke-Areal, das sich eher auf das Formulieren von „Kurz-Wort-Sätzen“ versteht, wie: „Äääähhh, ja, weiß nicht!“, „Hau ab“, „Du nervst!“, „Ich kann das nicht.“, „Ups!“ Mit steigernder Emotionalität, also je höher eine Situation auf dem Thermometer eingestuft wird, übernehmen andere Areale die Führung, damit sinkt der Wortschatz und steigt die Körperreaktion wie Schweißausbrüche, Darmdrang, Bauchgrummeln, nervösem Zucken oder dem Verlangen abzuhauen.

In solchen Situationen helfen kein Kommunikationsquadrat oder Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun oder die Axiome zur Kommunikation von Paul Watzlawick. Wenn Gefühle ein gewisses Mass an Intensität überschritten haben, fehlen dem Verstand die Worte und meist das gelassene Bewusstsein, um auf komplexe Kommunikationsmethoden zuzugreifen.

Was in solch einer Lage wirklich helfen könnte, ist eine kompetente Unterstützung in der Gefühlsregulation oder etwas fachlicher ausgedrückt, der Affektregulation. Wer dagegen seine Affekte nicht regulieren kann, fällt unweigerlich in die Emotionsfalle.

Wie Affekte regulieren? Wie Sie das hinbekommen! Dazu mehr beim nächsten Mal.

Übrigens, stark gehemmt wird das Broca-Areal auch bei stark positiven Emotionen, wie Lust, Freude, Begeisterung und in Folge von Drogenkonsum. Auch dabei übernehmen Emotionen über das Wernicke-Areal mit seinen Kurzwortsätzen die Führung. Hier ein paar Beispiele für Satzbildung bei stark positiver Affektlage: „Saugeil!“, „Voll cool ey!“, „Haste noch ‘n Bier!“, „Ey, guck ma‘ die!“

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