Entscheidungen auf einer Papiertischdecke

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Entscheidungen auf einer Papiertischdecke

© Ralf Haake

Letztens saß ich mit Anika, einer guten Bekannten, in einem Restaurant. Als der Kellner die Karte gebracht hatte, wusste ich relativ schnell, was ich bestellen wollte und wartete darauf, dass auch Anika ihre Wahl traf. Doch es dauerte und dauerte, so dass ich sie fragte: „Möchtest du, dass ich dir bei deiner Entscheidung helfe?“ „Ja“, war die spontane Antwort.

Kennen auch Sie solche Momente, in denen Menschen beim Entscheiden auf dem Schlauch stehen?

Bei der Menüwahl des Abendessens sind zähe Entscheidungsprozesse zu verkraften. Bei manch anderer, wichtiger Entscheidung im Berufs- oder Privatleben kann ein (zu) langes Hadern für einen selbst oder für andere unangenehme Folgen haben.

Die Auswahl des passenden Abendessens war nach meinem Einwurf schnell getroffen, gleichzeitig hatten wir für den Rest des Abends ein Thema am Wickel: wie man besser, klüger oder schneller entscheidet. Da Anika aktuell sich auch in der Firma mit einer ‚Menükarte voller Wahlmöglichkeiten‘ konfrontiert sah, wurde aus dem Abendessen ein Speedcoaching in Sachen Umgang mit kniffligen Entscheidungen. Es handelte sich um ein anstehendes Gespräch mit ihrer Geschäftsleitung, das Auswirkungen auf ihre Mitarbeiter mit sich bringen wird.

Anikas persönliche Problematik mit dem Entscheiden könnte man mit wenigen Worten umschreiben: Sie verfügt über viel Gefühl und gleichzeitig denkt und bewertet sie viel.

Anikas Entscheidungstypologie ist eine von vier verschiedenen Typen. Zu diesen kann man eine passende Methode anbieten, die es dem jeweiligen Typus leichter macht, eine „kluge“ Entscheidung zu treffen, die sich, wenn möglich, auch noch „gut anfühlt“.

Anika nimmt ihre Gefühle wahr und lebt sie gern aus, sowohl die angenehmen als auch die unangenehmen Empfindungen. Ihre Stimmungslagen erkennt man an ihrer regen Mimik, oft auch an ihrer Körperhaltung. Gleichzeitig macht sie sich auch sehr viele Gedanken, bewertet dabei sich und manchmal das Verhalten anderer. Sie kategorisiert dabei in: was richtig ist und was falsch – was MAN machen sollte und was MAN lassen sollte. Wenn dieser kritische Anteil sich gegen sie selbst richtet, macht ihr diese Selbst-Be- und Abwertung arg zu schaffen.

Sie beschreibt sich, wie wenn in ihr ein kritischer Professor wohnen würde. Dieser Professor stellt ihr in schwierigen Entscheidungssituationen häufig Fragen und moniert, „Hast du dir das auch gut überlegt? Vielleicht solltest du noch mal darüber nachdenken? Wäre die andere Entscheidung nicht doch besser oder die Richtige? Lass dass mal lieber! Andere machen das so und so! Willst du das nicht auch so machen? Ach, du kannst wohl nicht!“ …

Durch das Denken, Bewerten, Verurteilen kommt der gute Zugang zum Gefühl völlig abhanden, wird verdrängt, und Anika trifft eine Entscheidung, bei der ihr innerer Professor gewinnt, sie aber das Gefühl hat verloren zu haben.

Daher gab ich Anika ein kleines Hilfsmittel an die Hand:

Ich malte ihr auf die Papiertischdecke zwei senkrechte Linien, die im Abstand von etwa 20 cm circa 40 cm hoch waren. Der Kellner schmunzelte beim ersten Gang und hätte sich nach kurzer Erklärung gern dazu gesellt, um die interessanten Infos für sich und seine Frau mitzubekommen.

Die linke Linie bekam ein Minuszeichen (–) und die rechte ein Pluszeichen (+). Dann fragte ich Anika, ob sie mir ihr Thema nochmals nennt, und ich notierte es als Überschrift oben über die beiden Linien. „Die linke Linie stellt die Wertigkeit deiner unangenehmen Stimmungslage in Bezug auf dieses Thema dar, die rechte die Wertigkeit deiner angenehmen Stimmungslage. Tippe bitte mal mit dem Finger auf jeweils einen Punkt auf jeweiliger Linie, um mir zu zeigen, wie hoch oder wie niedrig die Stimmungslagen sind, die bei diesem Thema ausgelöst werden. Je weiter du nach oben gehst, umso stärker wird das Gefühl – also unten bedeutet 0 Intensität und nach oben bis zu einer 100er Intensität.“

Anika tippte bei der (–)Linie auf gefühlte 60 und bei der (+)Linie auf gefühlte 55.

Nun sagte ich zu Anika: „Erzähl doch mal, was macht dir weniger gute Gefühle in Hinblick auf dieses Thema?“ Sobald ich glaubte, dass ich ihre Gedanken verstanden hatte, versuchte ich, sie mit wenigen Worten zu wiederholen, und wenn Anika mir zustimmte, notierte ich dies neben die Linie mit dem (–)Zeichen. Danach folgten die Erklärungen zu der (+)Linie, und auch dort notierte ich ihre Worte auf der Papiertischdecke.

Nach kurzer Zeit hatte Anika einen recht guten Überblick über ihre aktuelle Stimmungslage und die Gedanken, die sie sich machte. Allein diese Übersicht tat ihr sichtbar gut.

Nun fragte ich Sie: „Was könntest du dafür tun, dass sich das Ausmaß auf der (–)Linie um Einiges reduziert?“ Spontan hatte Sie einige Ideen, ergänzt wurden sie von mir durch ein paar wohlwollende Ideenangebote, die ihr nicht alle gefielen, doch bei Ideenangeboten ist das Ablehnen erwünscht, sogar gewollt. Nachdem wir mit der (–)Linie fertig waren, fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könnte, wie man die Dimension auf der (+)Seite vielleicht weiter verstärken könnte. Auch hierbei sammelten wir einige Ideen.

Insgesamt machte uns beiden dieses Vorgehen Spaß und ab dem Dessert hatten wir noch genügend Zeit, uns über andere Themen zu unterhalten.

Anika konnte mit der Papiertischdecke davonstiefeln und vor drei Tagen berichtete sie mir von ihren Erfolgen. Stolz erzählte sie von ihrem Erreichten beim Umsetzen ihres Vorhabens. Das knifflige Gespräch mit ihrer Geschäftsleitung verlief sehr konstruktiv, sie war gut vorbereit und konnte Argumente ruhig und gelassen vorbringen. Und das darauf folgende Gespräch mit ihren Mitarbeitern führte sie ebenfalls fokussiert und klar.

Anika war happy und will dies bei einem erneuten Abendessen mit mir feiern – am besten wieder in einem Restaurant, in dem Papiertischdecken gereicht werden.

Wäre doch mal ’ne tolle Geschäftsidee: Coaching and Eating 🙂

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