Eine Weihnachtsgeschichte über Schuld und Liebe

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Da bin ich zu Weihnachten in die Kirche gegangen, und ihr werdet es nicht glauben, wer in der Bank neben mir saß: Jesus Christus. Erst war ich verdutzt, doch als ich ihn fragte, was er hier macht, sagte er; er will sich mal die Zeremonie anschauen – ist ja immerhin sein Geburtstag. Er sucht sich jedes Jahr eine andere Kirche aus und dieses Jahr ist es Hamburg Ottensen.

Als die Messe vorüber war, wollte ich die Gelegenheit nicht verpassen, ihn etwas zu fragen, weil mich da grad’ was beschäftigt: „Sag mal, Jesus, meinst du wirklich, dass wir Menschen uns zum Guten entwickeln können? Vielen von uns wird doch von klein auf eingeschärft, dass wir schuldig sind. Mal ist es die Kirche, mal sind’s die Eltern, mal der Partner oder die Partnerin, das Umfeld – alle bemühen sich, uns ein schlechtes Gewissen einzutrichtern und uns weiszumachen, was richtig und was falsch ist. So dass wir überall aufpassen müssen, nicht vom rechten Pfad abzukommen. Ich weiß zwar, wer sich schuldig fühlt, der wird lahm und entwickelt sich nicht. Doch soll man deshalb um jeden Preis die Wahrheit sagen? Bei dir hat man ja gesehen, was daraus geworden ist.“

Jesus schmunzelte und schaute mich mit freundlichen Augen an. „Mein lieber Ralf“, sagte er mit sanfter Stimme, „versuch‘ mal, das Ganze mit Kinderaugen zu sehen: Du sitzt auf einer Schaukel und nichts tut sich. Wenn du schaukeln willst, musst du Schwung holen, dich ab und zu nach hinten abstoßen, dann geht alles wie von selbst. Und wenn du dann sagst: ‚Ich will nicht Schwung holen! Ich will doch nicht rückwärts, ich will nach vorne schwingen‘, dann würden Kinder dich auslachen. Wer im Leben seine Schuld zugibt, holt Schwung, um die Bewegung nach vorn mitmachen zu können. Doch das geht nur, wenn im gleichen Maß die Kraft der Liebe und des Vertrauens vorhanden sind. Es geht nicht um Schuld-akrobatische Übungen und moralische Strenge. Ich will dir zeigen, wo die Kraft sitzt, mit der man im Leben alles ‚richtig‘ machen kann. Ich versuch’s mal mit einer Formel, was ich mit Kraft meine: Kraft ist gleich Wahrhaftigkeit mal Liebe.

Mit Kraft meine ich die Kraft eines Menschen, zu wachsen und er selbst zu werden.

Mit Liebe meine ich die Liebe, die in dir vorhanden ist. Wie sehr liebst du dich? Ich meine damit nicht narzisstische Selbstverliebtheit, sondern eine erwachsene, klare und selbstbewusste Liebe, die nicht aus der Anerkennung anderer oder dem Status oder aus Äußerlichkeiten erwächst.

Und mit Wahrhaftigkeit meine ich, dass du nur dann diese Kraft findest, so zu werden, wie du gemeint bist, wenn du damit aufhörst, alle unbequemen Wahrheiten zu verdrängen. Mit diesen unbequemen Wahrheiten meine ich auch dass, was du glaubst, sein zu müssen, um in den Augen anderer für diese richtig sein zu wollen.

Wer eigene Fehler ständig schönredet oder ganz ausblendet, der kann sich nicht entwickeln.

Viele erkennen das in einer Paarbeziehung. Dort werden die beiden früher oder später feststellen, dass es unheimlich schwer ist, immer ‚richtig‘ zu sein. Irgendwann geht es darum, dass beide lernen, wahrhaftig zu sein, vor sich und vor seinem Gegenüber. Wer sich in der Paarbeziehung einander zumutet, mit all dem, das man nur ungern zugibt, der hat die Chance, sich der Wahrheit zu nähern und sie mit der Liebe zu multiplizieren.

Das ist der Schwung nach hinten, wenn man auf der Schaukel sitzt, kurz bevor man sich auf das Abenteuer einlässt, loszulassen und schwups – schaukelt man: That’s life – da kribbelt es schon ganz gehörig im Magen! Das hast du doch inzwischen auch herausgefunden.“

„Stimmt“, gab ich zu mit etwas mulmiger Erinnerung an meine ersten Schaukel-Erlebnisse, „aber was hat das mit Schuld zu tun?“

„Also“, setzte Jesus fort, „die eigene Schuld zu sehen, ist nur einer von vielen Aspekten der Wahrhaftigkeit. Dazu gehört auch, die eigene, lebendige Freude zu sehen. Manche Menschen verdrängen nicht ihre Schuld, sondern auch ihre Freude. Aber ganz gleich, was sie verdrängen: Wichtig ist, dass du immer die ganze Formel siehst! Genau das tun manche nicht. Statt dessen betrachten sie bloß ihre eigenen Fehler oder sie fokussieren sich auf die Fehler anderer, und das ist wie das Schwungholen auf der Schaukel: Es darf nie zum Selbstzweck werden! Wenn du dir selbst, Kindern oder anderen Erwachsenen immer wieder Schuldgefühle einredest oder sie diese ganz subtil spüren lässt, dann ist das so, wie wenn du sie auf die Schaukel setzt, Schwung holen lässt, und vor dem Abschwung dann festhältst. Dabei kann es vorkommen, dass du sie oder dich selbst aus der Schaukel des Leben heraus stürzt.

Schuldgefühle sind rückwärts gerichtet und allein für sich genommen dadurch genau die falsche Richtung. Schuldgefühle sind nur in Kombination mit Liebe sinnvoll. Und wenn du dir selbst gegenüber nicht wahrhaftig bist, auch was deine Fehler oder deine Schattenseiten angeht, dann kannst du noch so geliebt werden, dann fließt die Liebe durch dich hindurch, wie bei einem löchrigen Eimer das Wasser. So einfach ist das!“

Jesus sah mich mit leuchtenden Augen an. „Deshalb komme ich ja mit der Botschaft von der Liebe. Die Wahrhaftigkeit kann noch so groß sein, du kannst noch so ehrlich deine Fehler zugeben, das bringt keine Kraft, wenn die Liebe nicht da ist. Wenn du dich selbst oder andere Menschen in ein enges Korsett von richtig und falsch zwängst, dann bleibt der Liebe keine Luft zum Atmen.

„Das bedeutet also eigentlich, dass Weihnachten – das Fest der Liebe – fast wichtiger ist als Karfreitag oder Ostern oder all die anderen Feste“, bemerkte ich.

„Ja, das find‘ ich auch“, sagte Jesus. „Die Liebe ist die Kraftquelle dafür, dass du es wagst, die Wahrheit und auch die eigene Schuld zuzulassen und dadurch du selbst zu werden. Wenn du das nicht verstehst, verstehst du das Fest der Liebe auch nicht und weshalb ich für euch in den Tod ging. Meine Liebe zu euch allen ist so groß, dass ich mich für euch kreuzigen ließ. Und zwar nicht, um unseren durch eure Sünden ‚beleidigten‘ Vater da oben zu besänftigen – wie könnt ihr nur auf so einen Blödsinn kommen –, sondern weil ich an einen Punkt kommen wollte, an dem ihr Schlafmützen einfach mal wachwerden solltet. Das aber wird nur möglich, wenn ihr das mit eigenen Augen seht: Ich bin so voller Liebe, dass sie größer ist als die Angst vor der Wahrheit oder vor dem Tod. Wenn ich mich, weil es gefährlich wurde, aus dem Staub gemacht hätte, um mein Leben zu retten, würdet ihr die ganze Botschaft nie verstehen. Na ja, ich gebe zu – das mit der Liebe, der Wahrheit und der Schuld ist schon etwas kompliziert.

Hinzukommt, wer Liebe und Wahrhaftigkeit verbinden will, der muss auch bereit sein, dort, wo Menschen die Wahrheit oder die Liebe nicht ertragen können, die Konsequenzen zu tragen. Ich weiß, dass Leben ist kein Ponyhof.

Ich werde euch eines zeigen: Ihr könnt die Angst vor der Liebe überwinden. Diese Angst, die euch die Kraft raubt, dass ihr zu euch selbst findet. Ihr könnt sie überwinden, wenn ihr euch nicht einschüchtern lasst von Menschen, die selbst Angst vor der Wahrheit haben oder vor der Liebe.

Von meiner weihnachtlichen Geburt bis zu meinem Tod war mein Leben eigentlich eine Liebeserklärung der ganz besonderen Art an euch. Dank dieser Liebesgeschichte müssen euch eure Schuldgefühle nicht lähmen. Mehr noch, eure Schuldbekenntnisse bringen euch wieder in Bewegung. Aber schreibt euch doch bitte eines hinter die Ohren: Wenn sich jemand nicht geliebt fühlt, egal, ob er eine schlimme Kindheit hatte, ob er irgendeinen Unsinn angestellt hat, oder ob ihm meine späteren Stellvertreter mehr von Schuld als von Liebe erzählt haben oder warum auch immer: Lasst in diesem Fall das Schuldthema solange weg, bis sich der Mensch wieder in der Liebe fühlt. Sonst macht ihr bei diesem Menschen mit Vorwürfen, Bewertungen und was richtig und was falsch ist, mehr kaputt als ihr heilmacht.

Da stand ich nun mit staunendem Blick und ließ mir von Jesus erklären, wie Schuld und Liebe zusammenhängen. Und mit einem bin ich mir nun ganz sicher: Jesus Christus wurde in jener Nacht geboren, auch, damit uns ein Licht aufgeht, das Licht der Liebe.

 

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1 Comment

  1. Ralf Haake sagt:

    Bei diesem Blog, wollte ich eine Ergänzung anfügen. In ihm wurden meine eigenen Erkenntnisse in Bezug auf meine Entwicklung beschrieben. Auch, dass ich weiterhin auf dem Weg bin – nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen habe oder mich bereits am Ziel befände – was auch immer mit ‚Ziel“ gemeint sein könnte. Ebenfalls sind in diesem Blog keine Menschen aus meinem Privaten oder beruflichen Umfeld angesprochen – falls dies trotzdem so empfunden wird, könnte dieser Blog und die Inhalte mehr mit Dir/Ihnen zu tun haben als Du/Sie denkst/denken.

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