Eine Hochzeit schafft Gesprächsstoff
14. Juni 2017
Ralf Haake Korfu
Wandel oder Sein?
28. Juni 2017
Alles zeigen

Die Weisheit der roten Ampel

© fotolia © Gabriele Matinti

Es war an einem dieser schönen Sommerabende in einer dieser großen, schönen Städte. Ich näherte mich schlendernd einer Fußgängerampel. Das Ampelmännchen zeigte rot. Kein Auto weit und breit. Sollte ich einfach weitergehen? Oder stehen bleiben? Was hätten Sie gemacht? Stehen bleiben? Rübergehen?

Ich blieb tatsächlich stehen. Brav, so wie ich es gelernt habe. Warum?

Neben mir stand eine Mutter mit ihrem Kind. Hätte diese Mutter mit ihrem Kind da nicht gestanden,- ich wäre ohne mit der Wimper zu zucken rübergegangen. Aber so stand ich da. Ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, wäre ich trotzdem gegangen. Gleichwohl war in mir eine innere, trotzige Stimme nicht zu überhören. Sie sagte: „Geh’ doch – ist doch frei!“

Bei genauem Betrachten meiner Gefühle wurde mir bewusst, dass ich nicht nur ein mulmiges Gefühl gegenüber dem Kind, sondern auch der Mutter gegenüber hatte. Ich ahnte ihren missbilligenden Blick voraus, sobald ich nur einen Fuß auf die Straße gesetzt hätte und hörte sie schon sagen: „Siehst Du mein Kind, das ist ein dummer Mann. Der weiß nicht, dass man bei Rot stehen bleiben muss. Ein schlechtes Vorbild, böse, böse, böse! Wir warten hier schön, bis die Ampel Grün zeigt.“ 

Quasi „vorauseilend gehorsam“ blieb ich stehen und beruhigte mein eigenes, inneres und etwas trotziges Kind, das lieber gegangen wäre. Dessen Trotz sich vor allem gegen die Mutter richtete. Mein Erwachsenen-Ich mahnte zu Selbstkontrolle zum Wohle beider Kinder, folgte meinem pädagogischen Lehrauftrag als guter Bürger und vorbildlicher Fußgänger, der am Straßenverkehr teilnimmt und keinen Streit mit jungen Müttern bekommen will.

In letzter Zeit häufen sich solche Ampel-Erlebnisse in meinem Leben? . Habe ich ein Problem mit regelkonformem Verhalten? Ich schaue mir das mit den Ampelsignalen mal genauer an und entwickele dabei folgende Gedanken:

Wenn ich also an einer Ampel stehe und dem Grün-Rot-Farbspiel meine Aufmerksamkeit schenke, könnte ich entweder:

1. dem Gesetz folgen -, denn es gibt Ampeln mit Fußgänger- bzw. Fahrzeugführer-Signalen, die von der Stadt aufgestellt werden, weil man den Verkehr regeln möchte und eine Behörde glaubt, dadurch die Bürger zu schützen – oder die Autofahrer -, wie man’s nimmt.

2. den Autoritäten folgen-, denn Menschen werden von klein auf ausgebildet in dem, worauf man im Straßenverkehr zu achten hat, sei es von Eltern, Großeltern, Schülerlotsen, einem dienstbeflissenen Polizisten oder eben dem vorbildlichen Verhalten anderer Bürger.

3. den Automatismen folgen -, denn auf Grund erlernten Verhaltens (Pawlow grüßt), denken erwachsene Menschen nicht mehr darüber nach, ob sie bestimmten Regeln folgen wollen oder nicht. Es hat sich ein automatisiertes Verhalten etabliert: Man tut, was als Verhaltensmuster in das neuronale Netz eingewoben wurde.

Rote Ampel = stehen bleiben / Grüne Ampel = gehen dürfen

4. mittels Selbstreflexion eine selbstbestimmte Entscheidung treffen und damit Risiken abwägen, was für mich oder andere gut oder weniger gut ist und mich entsprechend entscheiden. Denn in Folge einfühlsamer Selbsteinschätzung kann man abwägen, ob man beim Kräftevergleich Auto versus Fußgänger als Fußgänger wohl den Kürzeren zieht und eine eigenmächtige Entscheidung treffen.

Meine Erkenntnis aus den Ampelbetrachtungen:

Vor Kindern bin ich Vorbild, wenn ich Regeln achte, vor allem wenn sie zum Erhalt der Gesundheit beitragen.

Als Erwachsener sollte ich die Regeln hinterfragen und selbst entscheiden, was gut für mich und/oder andere ist und was weniger gut ist.

Offenbar gibt es also ein Alter, ab dem ich die Signale auf der „Straße des Lebens“ erkennen und prüfen sollte:

– Was bremst mich, lässt mich stehen bleiben?

– Was lässt mich gehen oder rennen?

– Wem oder was gebe ich die Macht mich zu bremsen oder zu hetzen?

– Sind die Regeln, die ich irgendwann gelernt habe, für mich wirklich die Regeln, denen ich folgen will?

– Und lasse ich mit meinen eingefahrenen Regeln anderen genug Spielraum?

Wenn ein Kind an der Ampel steht, werde ich auch in Zukunft stehen bleiben und mich vorbildlich zeigen. Doch in vielen anderen Situationen ist es durchaus hilfreich zu fragen, welche Signale mich behindern und welche mich abhalten, meinen Weg zu gehen.

Und vielleicht bin ich sogar auch dann den Kindern ein gutes Vorbild, wenn ich die eine oder andere Regel breche und neue Wege gehe.

Nun meine Frage an Sie:

Wenn Sie nicht grad mal vorbildlich sein müssen, welches Ampelsignal auf der Straße Ihres Lebens lässt Sie auch dann stehen bleiben, wenn sie lieber etwas anderes tun würden?

Beitrag teilen!

3 Comments

  1. Gaby Bartels sagt:

    Viel zu oft akzeptiere ich die rote Ampel ohne den Grund kritisch zu hinterfragen. Zukünftig werde ich mich mal wieder zwingen etwas unbequemer zu werden und auch mal ungewohnte Wege zu nutzen, selbst auf die Gefahr hin das andere genervt sind und meine Entscheidung nicht zu verstehen.

  2. Eveline sagt:

    Meine Delfine sind sehr hilfreich! ;-)))

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.