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„Die fünf Schritte zum Glück!“: Heilsversprechen einer Megabranche

© fotolia © Studio Stoks

Bringen Psychoseminare wirklich Erleichterung? Lassen Coachings ihre Teilnehmer tatsächlich besser mit Herausforderungen des Lebens umgehen? Können Lebensberater Leben schönberaten, oder fühlt man sich als Kunde bei ihnen bloß endlich mal gehört, gesehen und beachtet? Und ist allein das schon deshalb so brauchbar und wertvoll, weil man sich so schwer damit tut, jemanden zu finden, der einem dabei hilft, mit dem Leben klarzukommen? Der nicht nur sagt, was richtig oder falsch ist, sondern zuhört, um herauszufinden was mit uns los ist.

Wie oft habe ich selbst schon nach Menschen gesucht, die mir zuhören. Häufig bin ich stattdessen auf halbgare Tipps oder Ratschläge gestoßen: „Fünf Schritte zum Glück“, die „Sieben Wege zum Millionär“, „Zehn Tipps für eine glückliche Partnerschaft“. Muss ich wirklich nur fünf, sieben oder zehn Dinge beachten, um glücklich oder reich zu werden – ist es so einfach? Und gibt es bei der Psychotherapie auch Jo-Jo-Effekte, wie nach wiederholten Diäten? Über die Wirksamkeit von Beratung, Coachings oder Psychotrainings, wie ich und unzählige Andere sie anbieten, mache ich mir so meine Gedanken. Zum Beispiel denke ich darüber nach, ob es inzwischen nicht bereits mehr beratend tätige Menschen gibt, als solche die greifbare Güter produzieren.

Letztlich stelle ich mich selbst in Frage. Ich denke an jene Zeit meiner Laufbahn zurück, während der ich am Ende eines Arbeitstages ein fertiges Produkt in den Händen hielt. Und ich ahne, dass mir mein Zweitjob – Graphik Recording und das Visualisieren – deshalb so viel Spaß macht, weil ich dort sofort sehe, was ich geschaffen habe. Warum gibt es trotz so vieler professionellen Berater mehr Menschen denn je, die unter psychischen Problemen leiden, und warum wächst deren Zahl sogar? War das schon immer so, oder verfügen wir heute nur über bessere Möglichkeiten zum Erfassen und Auswerten entsprechender Daten?

Profitiert die riesige Gesundheits-, Psycho-, und Wellnessbranche so sehr davon, dass wir uns mit unseren Macken beschäftigen, und dass diejenigen, die damit Geld verdienen, uns ständig darauf hinweisen müssen, welche Macken gerade modern sind? Wird Burnout durch Narzissmus abgelöst, und ist der Zwang zur Selbstoptimierung zu einer lukrativen Einnahmequelle geworden? Brauchen wir Beratung, um mit der Enttäuschung darüber klarzukommen, dass das Leben nicht immer ganz so toll ist, wie wir es gerne hätten? Scheinbar gibt es kaum ein Problem, bei dem Coaches, Trainer oder Therapeuten nicht helfen könnten. Hinzu kommen zigtausend Ratgeber-Autoren, die angeblich genau wissen, wie das mit dem Glücklichwerden geht.

Ich selbst gehe jede Woche zu einer Therapeutin, für eine Art Supervision – seit vier Jahren schon. Manche Menschen werden wohl sagen: „Ist dieser Mann mit so vielen psychologischen Ausbildungen und Zertifikaten sowie einschlägiger Erfahrung, der seinem Wunschberuf nachgeht und dabei so erfolgreich scheint, immer noch nicht in der Lage selbst glücklich zu sein?“ So merkwürdig sich das vielleicht anhört: Nein, bin ich nicht. Ich kann das nicht, zumindest nicht immer! Und, ja: Auch mir hilft es, wenn mir jemand zuhört, der emotional nicht beteiligt ist. Dem ich alles sagen kann, ohne dafür verurteilt zu werden. Dem ich meine Unzulänglichkeiten und meine Ängste zumuten kann. Der mir auf meinen Weg zurückhilft, wenn ich ungewollt von ihm abweiche, und mich dorthin begleitet. Ja, auch mir hilft es immer noch, an Psychoseminaren teilzunehmen. Und in gewisser Weise lerne ich von meinen eigenen Klienten und Seminarteilnehmern genauso viel, wie diese hoffentlich von mir.

Ich glaube, dass wir Coaches, Berater und Trainer einen sinnvollen Job machen. Besonders dann, wenn wir trotz aller Professionalität unsere eigene Unzulänglichkeit im Blick behalten. Wir sollten nicht allzu aktiv helfen wollen, oder so schnell greifbare Ergebnisse erwarten, wie jemand aus dem produzierenden Gewerbe. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch in seinem Leben ein Gegenüber zum Reden und Zuhören braucht. Und zwar eine Person, die dabei keine Bewertungen vornimmt, die Dinge nicht als richtig oder falsch kategorisiert, und bei der man alles abladen kann was man auf dem Herzen hat, ohne am nächsten Morgen daran erinnert zu werden. Einen Menschen, der uns nicht liebt, damit unser Leid nicht zu seinem Leid wird. Einen Profi, der uns im Umgang mit uns selbst ausbildet.

Ich glaube, dass die oben genannten Tipps und Tricks sich verlockend anhören – egal, ob sie aus fünf, sieben oder zehn Schritten bestehen. Wenn man aber ein Anliegen hat, mit dem man anders umgehen will, dann hilft es eher, etwas Zeit mit jemandem vom Fach zu verbringen. Wer zudem auf liebevolle Freunde und eine herzenswarme Familie zählen kann, der kommt seinem Glück sehr nahe.

*Mit diesem Text danke ich neben meiner Partnerin, meiner Familie und meinen Freunden all jenen Ausbildern, Beratern, Coaches, Trainern und Therapeuten, die mein Leben sehr bereichert haben. Übrigens auch vielen Lebenshilfe-Autoren, und sogar so manchem Guru.

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2 Comments

  1. Susanne Rönz sagt:

    Schön gesagt/geschrieben! Danke für diesen sehr persönlichen Blog-Beitrag!

  2. Gaby Bartels sagt:

    Wenn ich das lese bedaure ich es allmählich doch sehr, dass ich nicht mit nach korfu fahre. Der Austausch und die wundervollen Menschen sind ein tolles Geschenk. Und wenn dann noch so gute und selbstkritische Trainer dabei sind muss es einfach gut sein

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