Experte oder Bauchladen? Die Frage nach der Positionierung

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„Du musst dich als Experte positionieren!“

Als freiberuflicher Coach, Berater oder Trainer werden Sie diesen Spruch auf dem Weg zum Erfolg sicherlich schon gehört haben. Ob dadurch, dass Sie sich positionierten, wirklich Erfolg entstand? Oder selbiger eben ausblieb, weil Sie es nicht taten, das sei dahingestellt. Jedenfalls kann ich diesen Spruch nicht mehr hören!

Doch erst mal für all diejenigen, die nicht genau wissen, was mit Experten-Positionierung gemeint ist: Das Gegenteil von Experten-Positionierung ist der Bauchladen. Diese Umschreibungen vermitteln bereits eine Kompetenzzuschreibung oder umgekehrt eher eine Art Absprechen jeglicher Qualifikation – das eine Top, das andere Flop. Experte gleich Profi, der weiß, was er tut, der sich auf eine Dienstleistung konzentriert, als Spezialist genau weiß, was Sache ist. Der andere mischt etwas von dem einen und etwas von dem anderen zusammen, doch irgendwie wirkt das wie ein Sammelsurium; nicht festgelegt auf ein Gebiet, Fachgebiet sowieso nicht, ein Thema schon gar nicht. Dahingehend das voreingenommene Klischee.

„Na, ob ich da als Kunde richtig aufgehoben bin?“, glaubt manch Berater mit Bauchladenangebot einigen Kunden im Gesicht ablesen zu können oder wie Stimmen aus deren Köpfen zu hören; und müht sich noch mehr in seiner Manier, seinen Könner-Status zu heben.

Ob nun bei Facebook, Xing, LinkedIn, man hat nur wenige Zeilen Platz, nein, noch heftiger, man hat nur wenige Sekunden Zeit, um sich irgendwie, als besonders von all den anderen abzuheben. Bei einem Elevator Pitch hat man eine Minute Zeit, sich darzustellen, die Verweildauer auf einer Webseite liegt bei durchschnittlich nur 30 Sekunden. Wenn man in diesem Zeitfenster den Kunden nicht „gecatcht“ hat mit seinem Lösungsangebot, ist der weg – so die Aussage diverser Experten.

Experten- oder Bauchladentyp: es hat garantiert Auswirkung auf die Vermarktung der eigenen Person. Da geben Positionierungsexperten (auch wieder so ein Experten-Renommee) den Hinweis, dass man als Experte sich für die erwünschte Kundschaft besser erkennbar aufstellt; dass man weiß, in welchen Zeitschriften annonciert werden sollte; dass man seine Kunden auf den entsprechenden Messen findet; in Ziel-Foren versucht anzusprechen; und genau weiß, welches Problem die Kundschaft plagt. Als Berater im Expertenstatus wird man empfohlen und ist besser erkennbar. Man kann Blogs schreiben, in denen man kluge Tipps gibt und auf Tricks verweist; man sagt, wo’s langgeht, weil, nun ja, man ist einfach Experte. Man positioniert sich als Weiser, Guru, manchmal auch als Schlaumeier, der genau weiß, wie die Lösung X für Problem Y aussieht.

Doch was tun, wenn man als freiberuflich tätiger Berater oder Coach ein Thema auswählte, das bei manchem Leser ein „ach, ein Bauchladentyp“, assoziiert, wie beispielsweise „Das Begleiten von Veränderungsprozessen“. Immerhin hört sich das doch professionell an. Auf jeden Fall professioneller als „Egal was Du hast, komm zu mir. Wenn Du was ändern willst, ich helfe Dir.“

Wenn die Experten-Positionierung zu einem einzelnen Thema nicht funktioniert, es nicht nur ein Problem gibt, mit dem man sich als Berater beschäftigt, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die Positionierung über die erlernte Methode klappt.

Als ich 2005 mit Beratung begann, nannte ich mich Berater für Systemische Lösungen, weil meine systemische Ausbildung die erste war, die ich absolviert hatte. Dann kam die Methode Life/Work-Planning, dann die PSI-Theroie, dann ZRM, dann Change-Facilitation und, und, und …; ganz abgesehen davon, dass ich auch noch visualisiere und manch ein Kunden mich vielleicht nur wegen der Fähigkeit des Bunte-Männchen-Malens „einkaufte“.

Mit jedem Abschluss war ich der Meinung: „Die Methode macht’s!“ Und ich passte mein Profil auf allen Portalen an. Insgesamt kann ich auf sechs Webseiten verweisen, die in den letzten 17 Jahren meiner Beraterkarriere entstanden. Für mehr Erfolg in Unternehmen beriet ich, dann zu Prozessoptimierung oder das Begleiten oben genannter Changeprozesse, ebenso Personalentwicklung, Lebenswandel, Berufsorientierung, Selbstmanagement, Burnout-Prävention; Probleme in der Familie, am Arbeitsplatz, in Teams, in Beziehungen, als Vater, als Führungskraft, als Armer, als Reicher und, und, und …

Als Bauchladenberater hatte ich das Problem, dass ich mich nicht so richtig festlegen konnte, denn irgendwie war alles spannend. Und irgendwie dachte ich, durch das Erlernen einer neuen Methode hätte sich mein Themenfeld verändert.

Je länger ich über meine Positionierung nachdachte, umso mehr kam ich zu dieser Einsicht: Mich interessiert der Umgang anderer mit Gefühlen, wie sie ein Leben leben können, in dem mehr gute Gefühle existieren; nicht auf Kosten anderer oder auch nicht um langfristig schlechte Gefühle in Kauf zu nehmen.

Vielmehr wollte ich lehren: Wie man mit Gefühlen umgeht, damit Beziehungen funktionieren; man gesund bleibt, mutig und selbstbewusst wird, es im Job besser klappt, mit schwierigen Mitarbeitern, Kunden oder Chefs umgeht, sich annimmt wie man ist, Grenzen setzt, Nein sagt; es schafft, mit anderen in Kontakt zu kommen oder sich zu trennen; sich sicher fühlt in unsicheren Zeiten, kluge Entscheidungen trifft, um loszulegen mit Abenteuern, denen man sich schon immer hingeben wollte.

Doch ist das ein Thema: der Umgang mit Gefühlen. Ein Thema, mit dem man sich als Experte positionieren kann oder sollte? Wäre das nicht zu gewagt, weil nicht präzise genug? Experte für den Umgang mit seltsamen Stimmungen, also wie eigenwilligen, diffusen Gefühlen, bis zu extremen Emotionen, um letztendlich mit seinen eigenen oder denen der anderen besser umgehen zu können?

Welche Situation oder welche Probleme es auch sein würden, ich kenne mich mit einer Fülle von eben seltsamen, eigentümlichen Gefühlen, auch ungewöhnlichen gut aus, mit meinen und mit sehr vielen von anderen. Und in all meinen Ausbildungen dreht es sich doch im Grunde genommen nur um eines: um den Umgang mit Gefühlen.

Doch würde ich mich deshalb als Experte für Gefühle bezeichnen? Hm! … ich weiß das nicht genau: ja oder nein? … ist schwierig …

Ein Tischler kann sich als Experte für Kücheneinrichtungen positionieren, und er kann die beste Küche bei sich in seinem Zuhause stehen haben, um zu sagen: „Seht her, ich bin ein Experte für Eure Küche und habe auch bei mir zu Hause die beste Küche, die man sich vorstellen kann. Das ist mein Markenzeichen.“

Bei einem Berater für Gefühle ist das etwas kniffliger. Denn wie auch immer ich mich gerade jetzt im Augenblick fühle, im nächsten Augenblick könnte etwas passieren, das mich emotional umhaut. Nur weil ich über Gefühle viel lernte und anderen etwas darüber beibringe, heißt das noch lange nicht, dass ich dabei nicht täglich auch mit Gefühlen konfrontiert werde, die mich fordern und manchmal sprachlos machen oder gelegentlich an die Decke gehen lassen. Hierbei beneide ich gerade den Tischler, der seinen Expertenstatus so griffig formulieren kann.

Wer zu mir kommt, hat einen Sack voller Gefühle, die oft so verstrickt sind, dass ich mich auch schon mal „Kuddelmuddel-Coach“ nennen wollte. Damit hätte ich mich vielleicht als Experte positionieren können, wer weiß, vielleicht mache ich das noch.

Tja, wahrscheinlich ist die Firmenbeschreibung Bauchladen in meinem Fall gar nicht so schlecht. Schließlich spricht man auch mal gern von Bauchgefühlen; da passt es doch, wenn ich mich mit meinem Bauchladen positioniere.

Und dieses Klischee, was ist das schon? Eine Redewendung, die sicher von einem Experten geäußert wurde.

Was meinen Sie? So aus dem Bauch heraus! Würde mich über einen, auch kurzen Kommentar von Ihnen freuen!

2 Comments

  1. Tamara sagt:

    Deine Argumente sind schlüssig, wobei mir das mein Kopf grade sagt. Was ich nicht wirklich verstanden habe ist, ob du nun fragst wie wir es fänden wenn du dich mit dem Begriff : Bauchladen positionieren würdest oder ob du grundsätzlich in Frage stellt, ob eine Positionierung so nötig ist wie häufig suggeriert? Wenn ich nun mein Gefühl frage dann gefällt mir der Begriff Bauchladen absolut. Mich hat der ursprüngliche Bauchladen schon als Kind begeistert. Da gab es alles was man so brauchte und es war so einfach und nahbar. Wenn ich dieses Überträge auf deinen Text, dann ist es total rund wie ich finde. Alles was man braucht, einfach und nahbar. Das sind doch wunderbare Attribute für einen Berater. Und letztendlich positioniert du dich vielleicht viel konkreter als mit allen einzelnen Themen und Methoden, weil du „einfach nur“ deinen Fokus und Interesse beschreibst? Liebe Grüße!

    • Ralf Haake sagt:

      Ja…genau…in meinem Fall ist es das Interesse an guten Gefühlen oder an „dem guten Gefühl“ als Wahrnehmungskompetenz.
      Und für all diejenigen, denen Expertenstatus wichtig ist, ein Blog in dem das Verwirrspiel auf dem Weg der Positionierung deutlich gemacht werden kann. Das man manchmal nicht weiß, wenn man sich auf die Suche nach einem Thema macht, welche Herausforderungen einem begegnen, bis man irgendwann spürt, wofür man sich wirklich interessiert. Und auch gilt: Wer seinen Gefühlen trauen kann, kommt schneller ans Ziel. Und wer weiß, was dahinter steckt, dass Dich Bauchläden, auch heute noch, mit guten Gefühlen begleiten 😉

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