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Das Jammern des Opferlamms

© fotolia © azartist

Letztens machte ich mich zum Opfer. Doch eigentlich machte ich mich zu einem Täter gegen mich selbst.

Vielleicht ist Ihnen das auch schon mal passiert, dass Sie Gefühle, Umstände oder Menschen für etwas verantwortlich machten und sich damit in eine Opferhaltung brachten, in der Sie sich im Recht glaubten oder sich jammernd wie ein Opferlamm zurückzogen. „Määähhh…määähhh….määähhh!“

Es widerfahren Ihnen widrige Ereignisse: „Das Finanzamt will von meinem mühsam erarbeiteten Geld jeden Monat zu viel einbehalten, da kann ich ja nicht auf einen grünen Zweig kommen.“ Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg!  Meine Geschäftspartner hat mich vor 3 Jahren betrogen, das steckt immer noch in mir wie ein Messer.  Mein Job gefällt mir zwar nicht, doch was soll ich denn machen!“ „Wie soll ich mit einem solchen Team nur die Zielvereinbarungen schaffen, das ist zu viel verlangt!„Es liegt an ihr/ihm, dass unsere Beziehung den Bach runter geht.“Meine Eltern sind daran schuld, hätten sie nur …

Wir bemitleiden uns, ärgern uns maßlos über das widerfahrene Unrecht, hadern mit dem Schicksal, machen andere für unser Leid verantwortlich, sind vielleicht deprimiert und glauben, die Welt und das Schicksal seien ungerecht.

Dass wir zum Opfer von Angriffen, Verletzungen, Enttäuschungen und Schmerzen werden, können wir nicht verhindern. Sehr wohl aber haben wir einen Einfluss darauf, wie wir darauf reagieren. Viele Menschen geben anderen Menschen die Schuld für das eigene Schicksal oder an ihrem Leid. Doch damit geben sie diesen Menschen oder den Umständen die Macht über ihr Leben. Wollen Sie das? Wenn ja, stecken Sie in der Opferhaltung. Wenn Ihnen grad nichts Besseres einfällt – okay? Also wenn Sie das grad mal brauchen, um sich Luft zu machen – gut, dann tun Sie es. Wenn Sie sich allerdings schon seit Tagen, Wochen, Monaten oder vielleicht Jahren in dieser Opferrolle bewegen, dann sollten Sie mal darüber nachdenken, welchen Gewinn Sie daraus ziehen, oder warum sie sich lieber über die Defizite anderer echauffieren, statt sich selbst mal kritisch im Spiegel zu betrachten. Denn wenn Sie anderen die Schuld geben, sind Sie nicht mehr Opfer, dann sind Sie schon längst zum Täter geworden, – zum Täter gegen sich selbst und häufig gegen andere. 

Wieso glauben Sie, Sie müssten heute, mit Anfang 30 (oder 40, oder 50), immer noch unter der Erziehung Ihrer Eltern leiden? Wieso sind Sie überzeugt davon, Sie müssten die schlechte Laune Ihres/Ihrer Partners/Partnerin ertragen? Wieso sind Sie der Meinung, dass Sie auf ewig mit einem Job verbunden sind, den Sie hassen? Wieso glauben Sie, Sie müssten sooo viel Geld verdienen? Oder wieso geben Sie jemand anderem die Schuld dafür, dass Sie sooo wenig verdienen? Wieso beschweren Sie sich immer wieder über die gleiche Kollegin, den Chef, die Nachbarin, den Staat, die Krankenkasse?

All das müssen Sie nicht. Erst die Opferrolle macht es möglich. Und darin kann man es sich so richtig kuschlig einrichten. Indem man die Verantwortung abgibt und in einem kindlichen Verhalten glaubt, dass da doch jemand kommen müsse, der uns rettet, uns hilft oder der im jammrigen Lied des Selbstmitleids einstimmt, weil die Umstände oder das Schicksal es nicht gut mit uns meinen. Oder weil man absolut davon überzeugt ist, dass der oder die am eigenen verkorksten Leben schuld ist. 

Ja, sich als Opfer zu fühlen, kann Vorteile haben. Wir können die Hände in den Schoß legen und anderen, den vermeintlichen Tätern, die Schuld für unser Unglücklichsein geben. Wir bekommen sogar Zuwendung in Form von Mitleid und Trost. Wir können uns als gute, moralische Menschen ansehen, während die anderen die vermeintlich Bösen sind. Als Opfer hat man schließlich Anspruch auf Entschädigung. Es ist so schön als Opfer, wir brauchen nichts zu tun und fühlen uns trotzdem im Recht. Als Opfer hat man den Trumpf in der Hand. In dem Glauben das Spiel gewonnen zu haben, triumphiert man über die Täter und singt das Klagelied, am liebsten mit Gleichgesinnten.

Doch wer sich beim Gejammer auf die Spur kommt, das eigene Gemecker nicht mehr hören kann oder sich dabei ertappt, wie man sich selbst in die Tasche lügt, könnte es vielleicht mal anders versuchen:

  • Als Erstes machen Sie sich bewusst, wann, wo oder gegenüber wem oder was Sie sich zum Opfer machen. Schreiben Sie es auf. 
  • Sagen Sie sich jetzt: „Ich bestimme wie ich mich fühle oder verhalte!“ 
  • Nun schauen Sie nochmal Ihre Punkte an. Sind Sie tatsächlich hilflos? Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Gefühle! Das ist ein wichtiger Schritt für Sie, um aus der Opferrolle heraus zu kommen. Gibt es dort einen innere Anteil, einen mangelnden Selbstwert, eine Kränkung, der Ihren Zorn, Wut, Angst, Gejammere, den Zynismus an etwas oder bei jemandem ablädt? 
  • Nun beginnen Sie Schritt für Schritt mit dem Aufräumen von sabotierenden Opfergedanken. Zum Beispiel indem Sie ergründen, warum andere so gehandelt haben. Ob es eine Möglichkeit gibt, Ihren eingeschränkten Blickwinkel zu ändern. Oder Sie beginnen damit, Ihre Gefühle in eine andere Richtung zu steuern. Sobald Sie das Opferlamm in sich määähen hören, sobald Abwertungen gegenüber anderen beginnen sich auszuweiten, sagen Sie sich zum Beispiel: Ich lass die anderen in Ruhe und sorge liebevoll für mich!“  oder „Ich befreie meinen inneren Wolf und lebe mein wildes Leben.“

Und nun beginnen Sie damit – gaaaanz langsam – verantwortungsvoll und erwachsen zu handeln.

Lösen Sie sich davon, dass Sie die Schuld trifft, dass schlimme Dinge einfach passieren. Das Gleiche gilt auch für Ihr Umfeld, für andere Menschen, die Sie zum Opfer oder zum Täter gemacht haben. Überlegen Sie sich, wie lange Sie noch an diesem Leid, festhalten wollen, – denn genau so lange werden Sie noch in der Opferwanne baden, bis Ihr ganzer Körper aufgeweicht schrumpelig ist.

Und zu guter Letzt: Stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl. 

Lesen Sie Bücher, besuchen Sie ein Seminar, ziehen Sie einen Psychologen oder Coach zu rate, der sich mit dem Thema Schuld, Scham und Opferrolle gut auskennt und Ihnen auf Ihrem Weg in ein eigenverantwortliches Leben ein guter Begleiter ist, doch Achtung: Geben Sie ihm oder ihr nicht die Verantwortung dafür, falls Sie an Ihrer Situation nichts verändern sollten.

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