Das Gefühl ist aller Weisheit Anfang

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© Ralf Haake

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Wer verstehen will, wie Menschen ticken, muss sich mit den Gefühlen und Emotionen auseinandersetzen, die ihre Entscheidungen beeinflussen. Das gilt fürs Privatleben, ebenso wie fürs Berufsleben!

Im Grunde laufen die meisten entscheidenden Impulse, die uns eine Handlung ausführen, uns Entscheidungen treffen oder uns eine Absicht formulieren lassen, relativ ungestört ab. Ein emotionaler Stimulus aber, den ich mal als „vages Gefühl“ bezeichne, kann diesen ungestörten Ablauf unterbrechen. Dieser Stimulus lenkt, bei entsprechender Achtsamkeit, die Aufmerksamkeit des Menschen auf ein mögliches Problem, das neu hinzugekommen ist. Wer das „vage Gefühl“ als das entschlüsselt, was es ist, es erkennt und benennt und seine Reaktion und anschließende Handlung situativ, individuell und im Einklang mit dem Verstand abstimmt, der kann von sich behaupten, eine reife und sich selbst bewusste Persönlichkeit zu sein. Eine solche Person lässt sich von vagen Gefühlen nicht ins Bockshorn jagen und reagiert nicht hoch emotional darauf, sondern bezieht den Verstand mit ein.

Im Unternehmen ist es von Vorteil, wenn Führungskräfte ihre Gefühle bewusst wahrnehmen, um anschließend flexibel, klug und gesund zu reagieren.

Und genau an dieser Stelle wird´s knifflig. Diffuse Gefühle frühzeitig und bewusst wahrzunehmen, sie zu entschlüsseln, ist schon schwierig genug. Doch eine Handlungsroutine zu ändern, ist noch viel schwieriger. Denn der erste Stimulus und eine damit verbundene Handlungsroutine sind so eng miteinander verbunden, wie für die meisten Menschen das schreckhafte Zucken beim Anblick einer fetten Spinne.

Hier ein vereinfachtes Beispiel aus einem Unternehmen: Ein Mitarbeiter bekommt eine Handlungsanweisung von einer Führungskraft. Diese Anweisung missfällt dem Mitarbeiter. Doch der Mitarbeiter hat Angst, dem Vorgesetzten sein Missfallen oder seine Meinung mitzuteilen. Das diffuse Gefühl der Angst wird von dem Mitarbeiter nicht bewusst wahrgenommen, weshalb es ihm nicht möglich ist, seine Meinung offen anzusprechen.

Das Kommando übernimmt stattdessen das alte Handlungsmuster im Umgang mit diffusen Angstgefühlen. Solche Handlungsmuster können sein: Den Vorgesetzten hinter seinem Rücken abwerten, ihn schlechtmachen, lästern, sich mit Kollegen zusammenschließen, einen Krankenschein nehmen oder sich zurückziehen, – all das, um sich auf irgendeine Weise von seinem unangenehmen Gefühl der Angst zu befreien, ohne dass es bewusst wäre. Im schlimmsten Fall kommt es dann zu massiv sinkender Arbeitsmotivation, Arbeitsverweigerung, Krankenscheinen, Fehlleistungen, innerer Kündigung oder Mobbing.

Auch der Vorgesetzte bekommt nichts von der Angst des Mitarbeiters mit, weil sich beide nur in ihren alten Handlungsroutinen zeigen und lediglich die Reaktion im Außen sehen ohne zu erkennen, was sich hinter diesem Verhalten verbirgt.

Die Führungskraft sollte darin geschult werden, das Gefühl des Mitarbeiters zu erkennen und sein Handeln nicht als Wahrheit anzunehmen. Ebenso sollte die Führungskraft ihre eigenen Gefühle erkunden: Spürt sie Abneigung, beginnt sie ebenfalls den Mitarbeiter abzuwerten, vielleicht ebenfalls aus Angst vor der Konfrontation, falls es zu einem Gespräch kommen sollte? Und glaubt die Führungskraft „im Recht“ zu sein, weil der Mitarbeiter sich aus ihrer Perspektive sich nicht adäquat verhält?

„Mitarbeiter haben einen Auftrag, der deutlich im Arbeitsvertrag beschrieben ist, den sollen sie erfüllen – basta.“ Doch sind Mitarbeiter keine Maschinen und ebenso wenig sind es Führungskräfte. Beide haben Gefühle, die sie treiben.

Eine gute Führungskraft sollte in der Lage sein, mit ihren sie unbewusst steuernden Gefühlen wie Angst, Trauer, Wut oder Scham weise umzugehen. Das bedeutet, dass die Führungskraft sich ihrer selbst bewusst ist und entsprechend führt. Führungskräfte, die sich ihrer Gefühle nicht bewusst sind, sondern lediglich emotional agieren, sind weit davon entfernt selbstbewusst zu sein, auch wenn es häufig so scheint und viele Vorgesetzte sehr extrovertiert auftreten, damit bloß keiner erkennt, wie gering ihre Selbststeuerungskompetenz ist.

Immer häufiger kommen Führungskräfte zu mir, – nicht um klassische Managementtechniken zu lernen, denn darin sind sie meisten sehr umfassend ausgebildet worden. Nein, es geht um das bewusste Wahrnehmen von Gefühlen und um das Lernen neuer Handlungsroutinen im Umgang mit negativ empfundenen Gefühlen.

Vielleicht beobachten Sie in Zukunft Ihre Handlungsroutinen und fragen sich, welches Gefühl dahintersteckt, wenn Sie einen Mitarbeiter oder Ihren Chef ablehnen, ein neues Kontrollinstrument einführen wollen, einen Kollegen oder eine Kollegin blöd finden, oder das von der Führung angestrebte „Agile Mindset“ nicht so richtig annehmen wollen.

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