Och nö – nicht schon wieder Achtsamkeit!

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Och nö – nicht schon wieder Achtsamkeit!

Autobahnplakat Quelle: RuntervomGas

Am letzten Wochenende fuhren wir Richtung Norden – für zwei Tage an die See. Und als ich so dahindüste, sah ich am Rand der Autobahn ein Schild mit der Aufschrift „Weil das Leben schön ist. Runter vom Gas!

Das Bild und der Spruch machten mir zunächst ein gutes Gefühl, sie flüsterten mir zu: „Genieße dein Leben – in deinem Tempo. In einem Tempo, in dem du dich wohl fühlst.“  Doch schob meine innere Stimme noch eine Frage hinterher: „Und wie viel Gas gibst du grad?“ Ich schaute kurz auf den Tacho und wusste, dass ich mich noch im Rahmen der Straßenverkehrsordnung bewegte. Aber dann bohrte meine innere Stimme weiter: „Nö, nö, nicht auf der Autobahn, sondern wie schnell bewegst du dich grad auf deiner Lebensautobahn? Sag mal Ralf, fährst du eigentlich grad in deinem eigenen Tempo? Und wie sieht es aus, hast du überhaupt genug Treibstoff im Tank? Wann warst du eigentlich das letzte Mal in der Inspektion? Bräuchtest du nicht mal wieder einen Satz neue Reifen oder Wischerblätter?“

Na und da kamen auch schnell ein paar beruhigende Antworten: Der letzte Check ist nicht so lang her. Meine Vitaminpillen nehme ich sicherheitshalber zu den Früchten am Morgen. Ich esse Biogemüse und klar nur Biofleisch, wenn irgendwie möglich. Bei Sonnenschein creme ich mich immer schön ein, mit dem Rauchen hab’ ich aufgehört, mit dem Sport noch nicht wieder angefangen, Finanzen so lala, Freunde – Familie alles im Fluss. Insgesamt ist alles in meinem Leben also irgendwie okay. Aber meine innere Stimme bohrte weiter: „Fährst du denn in der richtigen Geschwindigkeit? Auf der richtigen Straße? Im richtigen Auto? In die richtige Himmelsrichtung?“ Und dann plötzlich kam der innere Aufschrei: „Och nö!!! Nicht schon wieder diese Fragen!!!

Genau wie bei diesem Straßenschild, werde ich von Zeitschriften oder Büchern, die ich lese, immer dazu angehalten, achtsam zu sein oder meine Wahrnehmung zu schulen. „Fühl doch mal in Dich hinein!!!“ scheint das Credo unserer Gesellschaft zu sein. Und soll ich Euch etwas sagen: Ich kann’s nicht mehr hören!

Manchmal will ich einfach schnell unterwegs sein. Dann will ich mal schnell was essen, was trinken am besten to go, zappen, einkaufen billig beim Aldi, wo 60 erlaubt ist 80 fahren. Und wenn mich dann Schild oder Spruch zur Achtsamkeit maßregeln, dann möchte ich laut rufen: „Ich bin achtsam – nur schneller!“

Die Hirnforschung sagt, dass wir zwei Entscheidungssysteme haben: den langsamen Verstand und die schnelle Intuition. Wer schon mal meditierend auf einem Kissen gesessen hat, weiß, dass in diesen stillen und langsamen Momenten der Verstand genügend Zeit bekommt, um auf Hochtouren in schneller Folge Gedanken zu produzieren? Wenn mir meine Meditationslehrerin sagt: „Setze jeden Gedanken, der kommt, auf eine Wolke und lasse den Gedanken vorbei schweben“, dann wird bei mir daraus schnell eine geschlossene Wolkendecke, die sich irgendwann abregnet und mir schlechte Laune macht. Und dann sitze ich da und muss auch noch meine schlechte Laune achtsam wahrnehmen. Ist es dann nicht einfacher, wenn ich manchmal, ganz intuitiv sozusagen, einfach nur Gas gebe, – um vor meinem langsamen Verstand möglichst schnell davon zu düsen?

Also, wahrscheinlich sollte ich beim nächsten Straßenschild, das mir sagt: „Runter vom Gas!“, mich lediglich achtsam auf das Autofahren konzentrieren. Und mich nicht ablenken lassen von Gedanken über die Geschwindigkeit, mit der ich durchs Leben düse. Das mit dem Leben ist doch etwas komplexer als eine Fahrt auf der Autobahn. Und das mit der Achtsamkeit werde ich mir mal ganz langsam zu Gemüte führen.

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